Sieben Freischwebende Frauen: Mirjam

Sie ist dann nach Japan gegangen. Das mußte sein. Da gehört sie hin. Jetzt schläft sie zu wenig. Und arbeitet zu viel. Aber erlebt endlich genug.

Ich verliere bei ihr dauernd den Überblick. Was sie tut, wen sie kennenlernt, wen sie liebt, wovon sie träumt. Und da sie auf Twitter inzwischen die Hälfte auf Japanisch schreibt und die Bilder, die sie dazu postet durch die automatische Übersetzung noch rätselhafter werden, darf ich sie dauernd fragen, was da wieder los ist. Auf den Bildern. Und wenn sie es dann auf Deutsch erklärt, verstehe ich es oft nur so weit, daß ich denke:

„Japan. Kannste dir nicht ausdenken. Aber sie hat es gut da.“

Manches dort scheint exakt so zu sein, wie es unsere wildesten Klischees immer suggerieren. Gestern postete Mirjam ein Bild mit der Unterschrift:

„Restaurant „Bahnhof“ serviert Deutsches Essen. Wie Pizza oder Shrimps“

In der gläsernen Auslage sehen Sie ganz vorne gefüllte Bierkrüge. Gut zu erkennen ist das Paulanerlogo auf einem Weizenglas. Davor weiße Teller mit gekreuzten Würsten und Schweinebauch. Oder etwas, das so aussieht wie Schweinebauch und von dem Sie nicht wissen wollen, was es in Wirklichkeit ist. In der letzten Reihe einige malerische Holzofenpizzas mit lecker verkohltem Rand. Hinten rechts, auf einen einzigen Tablett: Tomaten und Mozarellascheiben, ein fett-selbstzufriedenes Rindswürstchen, ein dick paniertes Schnitzel, eine einsame Zitronenscheibe. Und eine Schale mit entweder Kartoffeln oder Klößen. Geben Sie zu, das i s t deutsches Essen. Tomate und Mozarella ist die deutsche Zwangsvorstellung von mediterraner Leichtigkeit. Und selbstzufriedene Rindswürstchen, die sich für leicht halten, treffen Sie jeden Tag im Bus. Und gibt es ein gewichtigeres Klischee über das Deutschsein als schneeweiße Kugeln, die Klöße oder Kartoffeln sein können, aber auf jeden Fall sehr sauber sind? Reinheit, die auf die Soße wartet.

Mirjam ist 1, 80. Jahrelang habe ich tausende Bilder betrachtet, die sie völlig geborgen in einer Gruppe wohlgelaunter Japaner zeigen, die sie alle um mindetens 15 Zentimeter überragt. Sie ist ständig auf Konzerten von Bands, die meist eine wilde Mischung aus Heavy Metal, Glamourgirlpop und apokalyptischem Halloweenpunk zu sein scheinen. Und alle Bandmitglieder kennen inzwischen das große deutsche Fangirl mit der täuschend braven dunkelblonden Ponyfrisur und posieren begeistert mit ihr herum. Mirjam und sie machen meist das V-Zeichen dazu und grinsen entspannt bis enthemmt. Das Japanische V-Zeichen scheint zu bedeuten:

„Alles ist cool hier!“

Tausend Bilder sagen mehr als ein Wort. Und Mirjams Japan ist in ihren Bildern gut aufgehoben. Sie hat wohl vor einigen Jahren verstanden, daß man nur dort zu Hause ist, wo man überhaupt noch Lust darauf hat, die Leute besser zu verstehen. Und ist nach Japan gezogen. Nun arbeitet sie sich mit mehreren Jobs halb tot und schläft viel zu wenig. Sie ist Angestellte in einem Reisebüro, das Trips von Deutschland nach Japan organisiert und gibt außerdem Deutschunterricht. Vielleicht managt sie aber auch noch eine Punkband und züchtet Seerosen. Ich kenne sie nur von Twitter und durch ein paar Mails. In ihrem Leben verändert sich alles andauernd. Gleichförmigkeit und Stagnation mag sie nicht. Die sind das Gegenteil von Leben. Oder von Liebe.

Auf einem Bild hat sie ein Stück Lotuswurzel und ein großes Messer in der Hand und schaut uns an. Natürlich posiert sie so, als habe sie mit dem scharfen Ding was Schlimmes vor. Der Pony fällt locker über die Stirn, ein paar Fransen berühren ihre Wimpern. Die Augen weit offen, das gehört zur Killerpose. Das Küchenhandtuch auf der Schulter. Ich habe hier gerade wirklich Spaß, sagen die Augen u n d man wird das alles nachher auch wirklich essen können. Und ich werde s e h r viel davon essen.

Das Mädchen hat Augen, da gehen Ihnen sofort die Metaphern aus.

„Ich habe gesehen, daß alles einmal gut wird.“

Das sagen diese Augen ständig. Diese Augen glauben. Noch aus den wildesten Verkleidungen, aus grellweisser oder schockgrüner Schminke, schauen Sie ruhige Augen an und sagen:

„Noch eine kleine Weile. Dann siehst du es auch.“

Mirjam glaubt an Gott, sogar an Jesus. Und sie sagt das auch ab und zu. Nicht zu oft und nicht zu betont, mehr wie eine Selbstverständlichkeit. Sie hat also die Augen der Frauen, denen er am Grab erscheint und die sofort wissen, daß ER es ist. Und daß das Leben nicht enden kann. Mirjams Augen wissen das auch.

Keine gute Idee, ihre Bilder anzuschauen. Ich schaue und staune und schreibe nicht mehr. Mirjam im Kimono, Mirjam mit allen möglichen bunten Perücken, Mirjam mit allem möglichen bunten Essen, Mirjam vor lebensgroßen Plakaten eines melancholisch-asketischen Sängers um die 60, den sie mal heiraten wird. Sagt sie so. Meint sie so. Wird sie wohl so hinkriegen.

Und immer wieder neue Leute. Das ist wohl das beste an ihrem Leben. Schauen Sie sich doch mal Ihre eigenen Bilder an. Ich wette, Ihr gesamtes Leben besteht aus weit unter hundert Leuten. Mehr kennen Sie nicht, jedenfalls nicht mit Vor- und Nachnamen. Im richtigen Leben. Facebook gilt natürlich nicht. Freunde von Freunden sind nicht Ihr Leben. Sie gehen immer wieder mit den selben zwei Dutzend Leuten etwas trinken und selbst diese Zahl ergibt sich nur über die Jahre hinweg. Ihr Privatleben besteht seit Jahren aus ein paar abgekauten Uraltfreunden und denen schauen Sie höchst widerwillig beim Altern zu. Komisch, daß Sie so jung sind und so alte Freunde haben. Sie rühren und rühren immer im gleichen Kartoffelbrei. Und garnieren ihn mit ein wenig postmoderner Pseudoironie, um nicht an Langeweile zu sterben. Sie können diese Leute genauso wenig mehr sehen wie Ihr Spiegelbild. Nichts geschieht mehr. Jedenfalls nichts Neues. So leben Sie, seit Sie 20 sind.

Mirjam nicht. Auch wenn ich natürlich Japaner schwer voneinander unterscheiden kann und sich auf ihren Bilder alle dauernd wild verkleiden, so trifft Mirjam eindeutig ständig neue Leute. Sie kommt irgendwo rein, trifft jemand, den sie nicht kennt und nach einer Weile kennt sie ihn dann. Und sie machen das V-Zeichen. Sieht sie in den vielen neuen Leuten viele neue Botschaften? Die sie unbedingt entziffern muß? Mit diesen Augen, in denen es so schnell Tag wird.

„Das Alles gibt es also“. Auch ihr Motto.

Sie weiß, daß da draußen viel mehr ist, als sie im Moment auch nur ahnen kann. Sie ist doch erst 27. Und das Japanischste an ihr ist ihre ungezähmte Freude an allem Neuen. Natürlich auch an diesen Spielzeugen, die es nur in Japan gibt. Buntes, grelles, quietschendes, klingelndes, hopsendes, hupendes und hemmungslos kitschiges Neonzeug. Sie weiß, woher die Begeisterung von Japaner für eine Freizeit kommt, die einziger langer Disneylandbesuch zu sein scheint. Weil der Druck so groß ist. Benimm, Hierarchie, Überarbeitung.

Es ist alles so schön bunt hier, singt Nina Hagen irgendwo. Ich kann mich gar nicht entscheiden. Nina würde auf Mirjams Bilder überhaupt nicht auffallen.

Japaner in wilden Kostümen um eine Mirjam herum, die sie alle überragt. Und sie machen das V-Zeichen. Das Leben, das wir kennen, zu dem man uns zwingt, das ist eben nicht alles. Da muß noch viel mehr sein. Wir werden es finden. Ich stelle mir Mirjam als glücklichen Menschen vor.

 

 

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Sieben Freischwebende Frauen: Nicole

To build a home. Aber mit wem nur und woraus werden die Wände sein?

Traditionelle japanische Häuser bestehen oft aus dünnem Holz und überall zieht der Wind hinein. Und in der Mitte steht eine Schale aus Bronze, da werden nadeldünne Zweige und Kräuter verbrannt. Ab und zu bebt die Erde, aber nicht zu sehr, nur so viel, daß alles ein wenig vibriert und Nicole merkt: Das Drinnen und das Draußen atmen miteinander. Und so rückt sie näher an den Ofen, der nur eine Schale ist und kann sich nicht gegen eine Wand lehnen, weil die nachgeben würde und viel zu kalt ist. Sie rückt die Kissen unter ihren Knien ein wenig zurecht und schaut in die brennenden Kräuter:

Wie kam sie hierher?

Die meisten, die wir lieben, bei denen sehen wir oft diesen Blick. Deshalb lieben wir sie ja. Hol mich hier raus, ich gehöre nicht zu dieser Welt. Ich wurde zu schnell geboren und halb bin ich noch dort, wo wir alle herkommen. Ich bin von Gott und will wieder zu Gott.

Dabei eine große üppige Blondine mit einer überdeutlichen Ruhrpottklappe. Und heute stolz drauf. So hat sie auf Twitter Karriere gemacht. Doch, das können Sie. Sie posten zum Beispiel Bilder von sich, die im Prinzip stets dreierlei mehr suggerieren als wirklich zeigen:

  1. Ihre Augen sind immer leicht geweitet. Wovon auch immer. Wahrscheinlich von Erstaunen darüber, wie lustig Sie jeden Mist trotzdem noch finden können.
  2. Sie sind groß, blond und füllen Ihre Bluse komfortabel aus. Sexy, romantisch und ganz im Hier und Jetzt.
  3. Sie sind ungeschickt und lachen den ganzen Tag tapfer und unverdrossen über Ihre Mißgeschicke.

Auf Twitter werden Sie dann geholfen. Sie erinnern sich noch an diesen Spruch? Lange vor Twitter hatte Dieter Bohlen eine Exfrau. Verona Feldbusch. Zu einer Zeit geboren, als deutsche Standesämter noch keine Namen akzeptierten, die Verwechslungen zur Folge haben konnten. So durften Sie Ihre Kinder damals nicht nach Ländern oder Städten nennen. Sie wurde aber in Bolivien geboren. Ihre Auffassung von Selbstironie war allerdings sehr deutsch. Veronas öde Dauerperformance bestand aus reinem, aber raffiniert angerichteten Nichts. Sie kokettierte damit, daß sie nicht viel wußte und konnte. Zum Beispiel kein Deutsch. Und so wurde sie mit dem Werbespruch für die Auskunft von Telegate berühmt:

„Da werden Sie geholfen.“

Lange vor Kanacksprak, eher in einer Zeit, wo Blondinnenwitze noch nicht frauenfeindlich waren, spielte Veronika Feldbusch eine Blonde, die sie auch nicht war, die nix auf die Reihe kriegt, kein Deutsch kann und die ihre Naivität und Unbildung so elegant zelebriert, daß alle mit ihr ins Bett wollen, denn lustig und lieb ist sie da wahrscheinlich auch.

Nicole war keine Verona. Warum spielte sie auf Twitter dann eine? Warum mußte sie eine sein?

Irgendeiner hatte sie nicht zurückgeliebt. Jahrelang hatten sie nur telefoniert und geschrieben, natürlich Mails und keine Briefe und Nicole hatte versucht, einen knurrigen Nerd, der seine Hobbies und Neurosen umkreiste wie ein Raumschiff den pockennarbigen Neptunmond, mit Liebe, Verständnis und Aufmerksamkeit zu fluten. Eine Mutter Teresa der Liebe. Dann trafen sie sich und er war genau so wie sie befürchtet hatte, nur noch mehr. Und da Worte nicht geholfen hatten, versuchte sie es mit Küssen. Er küßte zurück, aber drinnen war keiner zu Hause. Wie Nicole in ihrem japanischen Holzhaus mit Papierwänden, saß der Nerd in einem virtuellen Blockhaus in Montana und hegte seltsame Pläne, wie er die Welt retten konnte, indem er ihren Quellcode umschrieb.

Ich traf sie auf Twitter. Sonst traf ich sie nie. Sie hatte den Nerd gelassen, wo immer er sich genau befand und hungerte jetzt kurz nach einem Poeten.

„So geht sie, leicht ins Weite schreitend,

Dahin und mit Bedacht entgleitend…“

Dieses Sonett hatte ich 20 Jahre zuvor für Bella

Sieben Freischwebende Frauen: Bella

geschrieben und widmete es nun skrupellos Nicole. Die war damals nur für einige Wochen auf Twitter. Aber noch nicht in der Rolle einer selig lärmenden Verona. Sondern als das stille Mädchen mit dem geheimen Kummer, über den sie nicht sprechen will, nach dem sie aber gefragt werden möchte. So machte ich sie für einen Moment wirklich und tief glücklich: Sie hatte ein Gedicht gewidmet bekommen und es sprach da doch so viel von ihr:

„…In Sand und Meer. Und keine Leere füllend

Und keine Stunde. Heiter verhüllend,

Was jemals war. Der Leere trauend,

Sieht sie sich gehn. Und lässig bauend…“

 

Der Sound klang nach Urlaub vom Ich. Die Idee klang nach diesem Seelenbaumeln. Das Sonettmädchen war ruhig und ganz bei sich und ließ ihren geheimen Kummer in die Wellen gleiten. Und so weiter, den Rest sehen Sie sich bei Rosamunde Pilcher an. Ich war aber zu Recht stolz auf mein erstes Sonett gewesen: Es floß. Und wie dort Romantik in haltloses Pantheismusgewaber überging, das seine Kern Wahrheit ja hat, das hatte ich in einen Sound gepackt, der nicht ganz so kitschig war wie der Inhalt.

„…Sie läßt sich gehn. Geht ganz mit sich…“

So ging es in die Schlusskurve. Nicole hatte mir von ihrem Montananerd erzählt und wie sie nun, die bei Essen wohnte, in meinem Gedicht tapfer am Meer entlang ging und ganz still war und alles losließ, das rührte sie zu Tränen. Ich ahnte, daß ich das Gedicht noch oft bei anderen Frauen einsetzen würde.

„…So bleibt sie Sand und Meer und Leere treu.“

Punkt.

So endete das. Und Nicole und ich endeten auch bald. Bevor wir angefangen hatten. Ich ahnte schnell, daß es beim Schreiben nicht bleiben durfte, weil ich nicht ihr Rilke werden wollte und schlug nach einer Woche vor, wenigstens zu telefonieren. Sie dachte darüber nach. Sie versprach es mir. Sie zögerte es hinaus. Wir haben nie telefoniert.

Die üblichen Mails gingen hin und her. Natürlich wollte ich alles wissen und alles verstehen und alles heilen. Und ich wollte natürlich verliebt sein. Und sie wollte mir dann natürlich nicht wehtun. Ich bin kein schöner Mann, aber ich habe eine extrem erotische Stimme. Die Bilder von mir, die ich ihr schickte, sahen mehr nach Nerd aus als ich klang. Hätten wir telefoniert, der Widerspruch hätte sie vielleicht wirklich entflammt. Der Montananerd hatte garantiert ein näselnd-rechthaberisches Quäkorgan gehabt. Ich kann Ihnen mein Sonett so vorlesen, daß Sie sich vor Romantik auf die Schuhe kacken. Und ich wollte raus aus Rilkeland. Das kannte ich zu gut. Da fickte man nie eine. Und alle Liebe floß ins Leere.

Also bat sie mich, wenigstens nicht böse zu sein. Es habe nichts mit mir zu tun. Aber sie könne das noch nicht. Später vielleicht. Und löschte sich auf Twitter. Angeblich nicht wegen mir, sondern weil sie erkannt worden war und da sie bei der Arbeit twitterte, mußte sie da schnell weg.

Ich schrieb, flehte und machte mich gründlich lächerlich. Sie antwortete auf jede dritte Mail. Der elegische Grundton blieb, sie wollte eine Weile auch wegen mir leiden. Denn so stand es Eins zu Eins. Denn unfassbarer Weise hätte sie den Nerd auch genommen, wenn er lange genug aufgehört hätte, in seinen Computer zu starren, um sie zu sehen. Doch e r hatte sie nicht gewollt. Jedenfalls nicht als die, die sie ihm sein wollte. Sie wollte die Große Liebende Umerzieherin sein. Die Heilerin. Wäre sie religiös gewesen, hätte man darüber sprechen können, daß Jesus Himself damit schon seine Probleme gehabt hatte. Die Leute erkannten im Prinzip schon an, wenn einer sie liebte und dadurch heilen wollte. Aber im Grunde wollten sie lieber einfach dieselben alten Affen bleiben. Und sei es nur, damit alles immer so weiter ging wie immer. Auch wenn es keinen Spaß machte, den ganzen Tag trübe in den Computer zu starren, so machte es doch auch keine Angst. Und da mit Liebe und Religion unfehlbar immer eine Form von Märtyrertum verbunden ist und manche lieber ungetröstet, aber dafür ohne größere körperliche Schmerzen leben und sterben wollen, lassen sich per Offenbarung regelmäßig nur die umerziehen, die sowieso immer bereit sind, sich mit wilder Begeisterung in alles Mögliche zu stürzen. Jesus wußte das und ließ die Nerds und Zöllner ihr stures Leben leben und piesackte sie nur ab und zu mit einem kleinen Wunder, über das sie eine Weile nachzudenken hatten. Und ansonsten setzte er viel auf Zeit und auf allmähliche Einsicht. Es waren ja noch ein paar Tage bis zum Jüngsten Gericht.

Nicole aber hätte gerne eine eigene Walddorfschule für ihren Nerd eröffnet. Der konnte doch einfach nicht so bleiben wie er war. Er hatte es nicht einmal zu wollen. Als er es aber doch wollte, schlug sie sich frustiert selber ans Kreuz und hängte mich direkt neben sich.

Und dann erzog sie s i c h um. Verdatterter als die Frauen, da sie das Grab leer fanden, war ich, als nach drei Jahren Nicole als Verona Feldbusch wiederauferstand.

Gleichzeitig gab sie das Walddorfprojekt aber nicht auf. Sie gab sich sogar die Chance, die Kreuzesnägel dabei noch tiefer ins Fleisch zu kriegen. Der nächste sture Montananerd schwängerte sie dann, sie behielt das Kind und heirate ihn gleich. Jetzt war es ja eh wurscht. Vielleicht gab es ihr ja Hoffnung, daß ihr Mann Rolf wenigstens ab und zu Drachenfliegen ging. Ich hätte ihr sagen können, daß über Landschaften hinweggleiten für solche Leute auch etwas Virtuelles war. Eine Art Internet mit frischer Luft Es gibt nur Wille in solchen Typen, keine Vorstellung. Den unbedingten Willen, daß da Draußen nichts wirklich Wirkliches sei. Jesus hätte auf das Leben gesetzt und auf die Zeit und ein wenig körperliche Qual. Aber nie n u r auf Liebe. Er hörte Petrus ja schon sagen:

„Wie, Jesus? Welcher Jesus bitte? Kenn ich nicht.“

Ich sah auf Facebook ihr Hochzeitsbild und in diesem Moment hätte ich sie aus Mitleid glatt ein zweites Mal geheiratet. Stattdessen schickte ich ihr nur ein Gedicht darüber:

„….du schautest ganz ruhig,

als wolltest du sagen,

so soll das nun sein…“

Nun, das Kind hatte einen Vater und sie hatte ihr eigenes Kreuz. Und nun brauchte sie noch ein Ventil. Sie tauchte vor zwei Jahren wieder auf Twitter auf und ich hätte sie nie erkannt. Niemand hätte das. Als sie mir schrieb, daß sie das sei, konnte ich es nicht fassen. Ich las ihre Sprüche. Ich weigerte mich, ihr auch nur einen einzigen davon abzunehmen. Ich sagte ihr das. Sie solle zumindestens nicht verlangen, daß ich nicht spürte, wie sie hinter der japanischen Papierwand aus Veronageschwätz leise winselnd an ihrem Kreuz baumelte. Sie erwiderte, daß sie eben beides sei und ich aufhören solle, sie auf meine Lieblingsvorstellung festzulegen. Ich antwortete, daß ich ihr auch die Rilkenicole nie abgenommen hätte und mir mein Sonett selber nicht, aber daß hinter der ersten Nicole auf Twitter ein wirklicher Mensch gestanden sei, wo heute nur eine schreiende Wandzeitung zu finden sei, die Aufmerksamkeit mit Liebe verwechsele. Sie brach den Kontakt ab. Ihr Mann weiß angeblich nicht, wie sie auf Twitter heißt. Doch wenn er all ihre lustigen Hilferufe je liest, wird er herzlich darüber lachen.

Wir machen ein Experiment. Sie versuchen die Wandzeitung selber zu lesen. Und dabei hinter das Papier zu spähen.

Was also Verona von Nicole in den letzten Tagen so dachte und sagte:

„Was ich etwas gar nicht erst anfange, wie sollte das böse enden können? Es kann, es kann.“

„Ich habe ein Hobby, von dem nur ich weiß. Im Auto mit mir selber sprechen und mich laut auslachen.“

„Wenn die Dunkelheit einen Ursprung hat, dann ist der in meiner Handtasche.“

„Leg ein Kissen auf die Sehnsucht und setz dich drauf. Mit deinem ganzen Arsch.“

„Leere Gläser mit Hoffnung füllen.“

„Winkekatze und Wackelelvis sehen dich an. Und bleiben fröhlich.“

 

Nicole, Nicole, warum verachtest du dein Herz so?

 

(Anmerkung: Nicole heißt auf Twitter nicht so. Im wirklichen Leben schon. Ob ich ihre Twittersprüche wörtlich zitiere, sie einfach erfunden habe, oder leicht verändert wiedergebe, das werden Sie nie erfahren. Denken Sie bitte immer daran: Dies ist ein Werk der Literatur, in dem wirkliche Menschen versuchen vorzukommen. Hamlet gibt es schließlich auch. Kann sein, Sie treffen ihn heute. Grüßen Sie ihn bitte von mir. Oder Nicole. Beide werden Sie erkennen, wenn Sie sie sehen. Oder Shakespeare und ich haben einen schlechten Job gemacht. Und vor einigen Tagen habe ich gemerkt, daß Nicole, die mit mir nicht mehr spricht, meinem Blog folgt und vielleicht hat sie das Porträt gelesen, das sie nicht einfach ist, das aber von ihr spricht. Auf den Kanälen, die wir noch haben, fragte ich sie danach. Keine Antwort. Wie hat sie es verstanden?  Als sarkastisch oder liebevoll)

 

 

Sieben Freischwebende Frauen: Bella

Bella mußte manipulieren. Die ersten Lektionen, die sie lernte und skrupellos anwandte:

Kapere Leute. Vereinahme sie. Verpflichte sie dir. Binde sie an dich. Egal womit. Benutze sie. Spiele sie gegeneinander aus. Erzähle j e d e m, daß er momentan der wichtigste Mensch in deinem Leben ist. Egal, ob sich das herumspricht. Gestern i s t es doch so gewesen, daß mir Mike für einige Stunden am nächsten stand und im Moment bist es du.

Bella log schlecht. So schlecht, daß es ihr bald egal war, wenn sie erwischt wurde. Erzählte sie halt noch eine Geschichte. Die erklärte dann, warum sie gestern leider die Unwahrheit hatte sagen müssen. Denn ständig war sie ja verpflichtet, die Gefühle, die Leute für sie hatten, gegeneinander ausbalancieren, ihre Zeit so einzuteilen, daß sie keinen vernachlässigte und was waren dabei schon Notlügen. Wie anders sollte sie alle verstehen, trösten und bei sich bergen?

„Es ist schön, daß du da bist.“

Zu jedem, mit dem sie allein war. Fürst Rainier  hatte zum Gewinner des Großen Preis von Monaco immer gesagt:

„Es freut mich, daß ausgerechnet S i e  heute gewonnen haben.“

Dieser Satz war Kult. Er wurde von ihm erwartet. Es störte niemanden, daß er das zu jedem möglichen Gewinner gesagt hätte und immer zu jedem sagen würde. Man nahm sogar an, daß er das in diesem Moment so meinte. Es war nicht auszuschließen, daß auch Bella ihr eigenes Getue stets für ein paar Minuten glaubte.

Es machte ihr also nicht das Geringste aus, wenn jemand merkte wie er manipuliert wurde. Sie gab das einfach als emotionales Management aus. Sie mußte doch die anderen schützen, ihr momentanes Gegenüber und sich selber nicht vielleicht auch? Wovor? Vor diesen ganzen überfließenden Gefühlen. Vor den ganzen Geständnisssen, die sie den ganzen Tag bekam. Sie war ja leider nunmal die Vertraute aller. Und alle waren froh, daß ihr Vater nur ein Plattenstudio besaß und nicht Präsident war. Ich stelle mir Ivanka Trump immer so vor.

Jahrelang hatte ihr Vater eine Geliebte. Seine engste Mitarbeiterin. Natürlich wußte Bella das. Alle vertrauten ihr ja tatsächlich immer alles an. Und die Einzige, bei der ihre Lügendiplomatie letztlich dann doch versagte, nachdem sie so lange funktioniert hatte, war ihre Mutter. Die ahnte die Geliebte schon lange und wußte, daß Bella es wissen würde, wenn da etwas war. Und glaubte ihr also erst mal fast, als Bella schwor, da sei nichts. Und war doch weiter im Zweifel. Babara hatte zwar das Zweite Gesicht, aber sie wollte ihm nicht immer glauben. Und kurz bevor ihr Vater sich scheiden ließ, um die Büromaus zu heiraten, sagte Bella ihr das alles als Erste. Gutes Timing hatte sie oft und so kam sie aus der Nummer fast ohne Schaden raus. Ja, sie habe es schon eine Weile gewußt. Aber was hätte sie denn machen sollen. Immer sei sie doch in diesen emotionalen Zwangslagen. Und aus denen versuche sie sich dann eben so sanft wie möglich zu befreien. Ohne den Beteiligten dabei mehr weh zu tun als nötig. Das war auch perfekte Masche, um im Nebenzimmer Mike zu vögeln.

(Sieben Alte Weiße Männer: Mike)

Ich wohnte gerade ein paar Wochen bei ihm. Wir hatten Bella zufällig getroffen und ganz in der Nähe alle viel zu viel Bier getrunken. Er ahnte, daß er sie heute abend kriegen konnte. Aber was machte er mit mir. Ich zahlte schließlich Miete und es gab nur zwei Zimmer. Bella setzte sich abwechselnd bei uns beiden auf den Schoß und erzählte uns leise, daß wir heute abend für sie der entscheidende Mensch waren. Mich machte die Ahnung verrückt, daß ich sie am Ende vielleicht auch hätte vögeln können, wenn es meine Wohnung, oder wir allein gewesen wären. Denn ihr war heute ersichtlich danach, jemanden für ihre ständigen Manipulationen am offenen Herzen auch mal reell zu entschädigen. Aber Mike war nun mal ein großgewachsenen Latinlover mit braunen Augen, die so unschuldig dreinschauen konnten wie Bellas, wenn sie Leute gegeneinander ausspielte und sie konnte es sich nicht leisten, den weniger Attraktiven zu belohnen, wenn der Besseraussehende es mitkriegte. Ich war noch Nerd genug, daß sowas als geheimgehaltener Mitleidsfick durchzugehen hatte. Und es war eben seine Wohnung.

Sie wählte den klassischen Ansatz. Erstmal alleine auf sein Bett. Einfach, weil ihr plötzlich von 6 Halben leicht schwindlig sei. Die Idee war, es uns beide auszudiskutieren lassen. Sie wußten beide, daß ich im nahen Stuttgart einen Freund hatte, der nicht da war und zu dessen Wohnung ich seit Monaten den Schlüssel hatte. Ich wohnte bei Mike und ihm, das Studium hatte ich abgebrochen und wartete auf eine Eingebung oder einen Job. Geld war noch da, ein Ziel im Leben hatte ich nicht mehr und die Depression wußte das und schob mich in die Warteschleifen einzelner Tage, an deren Ende die Aussicht stand, ohne Plan auch am nächsten Tag zu erwachen.

Mike war in der Zwickmühle:

  1. Ich wohnte hier und zahlte Miete.
  2. Ich hatte 6 Bier getrunken wie wir alle.
  3. Nach Stuttgart war es von hier mit dem Zug eine gute halbe Stunde. Zum Bahnhof hier und dort vom Bahnhof zu der anderen Wohnung eine Stunde. Anderthalb Stunden nach 6 Bier?
  4. Er mußte mir also klar machen, daß unter Kumpels ein möglicher Fick Ehrensache sei und man also das Feld zu räumen habe.
  5. Sein Kumpel liebte aber vielleicht diese Frau. Völlig hoffnungslos. Mike liebte sie auch, aber weniger: Ihre Fähigkeit, alle, selbst  die Haustiere in ihrer Umgebung hemmungslos zu manipulieren, faszinierte ihn und bitte, warum sollte sie ihn nicht in sein eigenes Bett manipulieren, wenn sie jetzt schon mal drin lag. Ich mußte also weg. Ehrensache.

Ich wußte, daß er früher oder später rüber gehen würde. Aber er würde mich nicht loswerden. Wenn er sie jetzt wollte, war ich eben im Nebenzimmer. Ich schlief also ein. Ich konnte mich nach zuviel Bier in einen Zustand versetzen, der eine Art Wachtraum war. Niemand konnte dann herausfinden, ob ich wach war und Theater spielte, wirklich schlief, oder gerade ohnmächtig wurde. Da Mike fürchtete, ich würde ihm nach einem zu brutalen Wachrütteln die Wohnung vollkotzen und dann war es sicher nix mit Bella, ließ er mich schlafen. Ich lag ja schon auf dem Sofa, auf dem ich sonst übernachtete. Und so unpraktisch war das nicht. Sie konnten hinterher beide behaupten, daß nichts gewesen sei. Sie hätten nur im gleichen Bett übernachtet und seien sofort eingeschlafen. War ja kein anderes Bett da und hätte er Bella denn rauswerfen sollen? Nur daß ich halt nicht schlief. Ich wartete auf das leise Schließen der Schlafzimmertür.

Die ging danach nochmal auf und Mike schmiss die Katze raus. Die schlief sonst bei ihm. Ich hatte meinen Beweis. Und nicht die Absicht, die Katze als Trostpreis auf mein Sofa zu kriegen, während er Bella bekam. Und auch nicht die Absicht, noch viel mehr als das leise Rascheln zu hören, das jetzt aus dem Schlafzimmer kam. Und das alles geschah ja im  Vorhandyzeitalter. Ich konnte mich also rächen. Ich mußte nur wirklich nach Stuttgart fahren. Vorher legte ich einen Zettel auf den Küchentisch:

„Ich kann das so nicht mehr.“

Das war mir eigentlich zu theatralisch. Die leise Andeutung von Selbstmord wegen dem Geschehen im Nebenzimmer. Ich hatte aber nur vor, hier zu verschwinden und ein paar Tage nicht erreichbar zu sein. Sie hatte mich beide locker ausgespielt und ich nahm mich jetzt ganz aus dem Spiel. Sie waren so frei, die einzige Gelegenheit, die sie je haben würden, im Bett zu landen auch zu nutzen und ich war so frei, sie ihnen zu geben und ihr schlechtes Gewissen war ihre Sache.

Bella und Mike hatten beide die Nummer der Stuttgarter Wohnung. Das Telefon hatte aber keinen Anrufbeantworter. Bis es am nächsten Tag das erste Mal klingelte wurde es Mittag. Sie hatten sich also Zeit gelassen. Mit dem Vögeln und mit dem Sorgen. Dieses war das Vorhandyzeitalter. Man konnte einfach verschwinden und so tun, als ob das keine Absicht gewesen sei. Wissen Sie noch, wie frei wir damals waren? Heute sind Sie irgendwo eine halbe Stunde überfällig und schon zerrt es an Ihrer elektronischen Hundeleine. Und wer traut sich schon, tagsüber das Ding auszumachen. Damals war ich einfach immer gerade leider nicht da, wenn das Telefon klingelte. Genug Sorgen, um nach Stuttgart zu fahren, machten sie sich allerdings nicht.

Aber am nächsten Tag rief ich ihre Mutter an. Barbara war immer meine Vertraute gewesen. Den freundlich-sanften Augen einer Hamburger Ausgabe von Audrey Hepburn konnte ich nichts verhehlen. Außerdem hatte Barbara eben das Zweite Gesicht. Man konnte sie gar nicht anlügen. Ihre Tochter, damals gerade 20, vier Jahre jünger als wir beide, hatte natürlich nur erzählt, daß sie bei Mike auf dem Sofa übernachtet habe und Luciano unbedingt nach Stuttgart habe fahren wollen, obwohl er ja mit Mike in dem großen Bett hätte schlafen können. Ob Barbara übrigens von Luciano gehört hätte. Der habe sich nicht mehr gemeldet. Barbara schaute ihre Tochter an. Bella sah förmlich, wie ihre Mutter das Gras wachsen hörte.

„Hältst du mich für doof?“

„Mami, da war nix!“

„Du kannst machen, was willst. Aber die beiden sind Freunde.“

„Was hat er dir erzählt?“

„Er wohnt bei Mike, richtig?“

„Auch. Aber er wollte noch nachts nach Stuttgart.“

„Warum sollte er das wollen?“

„Er mußte da halt am nächsten Tag was Dringendes erledigen.“

„Sonntags. Und deshalb fährt er um 10 abends nach Stuttgart. Und nicht am nächsten Tag gemütlich. Hm.“

„Was hat er gesagt?“

„Er hat gesagt, daß er euch nicht im Wege sein wollte. Falls etwas passieren sollte.“

„Es ist aber nichts passiert. Ich bin eingeschlafen. Auf dem Sofa. Morgens hat mich die Katze geweckt.“

Es war zwecklos. Auch wenn Barbara nicht mit mir gesprochen hätte, das amateurhafte Herumdrucksen ihrer Tochter hätte ihr alles verraten. Telepathin war sie auch ein bißchen. Doch Bella war fein raus. Es ging mir gut, niemand hatte was mitgekriegt und jetzt mußte sie das alles nur noch ein wenig bedauern, als wir uns das nächste Mal trafen.

In einem Anfall von Ehrlichkeit gab sie einen versuchten Geschlechtsverkehr zu, der aber am Bier gescheitert sei, bei Mike. Und das Schönste und Vertrauteste sei gewesen, als morgens die Katze aufs Bett gesprungen sei. Die Katze fing an, mir auf die Nerven zu gehen.

Ich war auch fein raus. Mike versuchte die Kumpelnummer und bedankte sich nochmal, daß ich von alleine nach Stuttgart gefahren sei. Passiert wäre aber nichts weiter. Nur ein wenig gekuschelt. Und dann seien sie eingeschlafen. Als er aufwachte, mußte er sein Bier loswerden und hätte gemerkt, daß ich weg war und Bella hätte so tief geschlafen, daß er wußte, eine zweite Chance würde es nicht geben. Am nächsten Morgen hätten sie dann den Zettel gefunden. Und sich natürlich Sorgen gemacht. Und sofort in Stuttgart angerufen. Ich sei aber nicht rangegangen.

„Ich war mittags kurz mal was essen.“

Mike schaute mich an. Er war kein Telepath wie Barbara. Er hatte keine Ahnung, was Bella mir erzählt hatte. Er nahm an, die Wahrheit. Daß er keinen hochgekriegt hatte.

„Wäre es schlimm gewesen, w e n n wir..?“

„Und ich im Nebenzimmer, auf dem Sofa? Mit der verdammten Katze auf dem Schoß?“

Mike dachte nach. Es hätte was passieren sollen, es war nichts passiert, was ihm besonderen Spaß gemacht hätte, ich war am Leben, wir waren immer noch Freunde und er würde bei Bella keine zweite Chance suchen oder kriegen. Alles war gut.

Wenig später aßen wir bei Bella zu Hause. Ihr Vater war im Studio und Mike war wegen Barbara sehr nervös. Er wußte, wie ich zu ihr stand. Wir liebten uns sehr. Und vertrauten uns vollkommen. Er ahnte, daß ich gleich am nächsten Tag aus Stuttgart bei Barbara angerufen hatte. Und er ahnte auch, daß sie irgendwie immer alles wußte. Auch das, was ihr keiner sagte. Die Hamburger Audrey mochte ihn nicht besonders. Er zappelte immer so, wenn ihm  etwas peinlich war und er war mir kein guter Freund. Es war ok, wenn ihre Tochter sich nach 6 Bier wie ein verdammtes Miststück aufführte, aber Mike und ich waren enge Freunde. Wenn er sie unbedingt im Bett haben wollte, dann sollte er gefälligst damit warten bis ich möglichst weit weg war.

Sie hatten keine Katze, sie hatten Pia. Pia war ein Golden Retriever, also immer freundlich, aber oft auch so tief nachdenklich wie Barbara. Mike schaute Pia an.

„Springst du auch nachts auf Betten?“,

fragte er den Hund.

Barbara prustete in einem jähen Lachanfall das Wasser in ihrem Mund über den ganzen Tisch.

„Mike…“

sagte sie.

„Mike!“

Er ahnte, was jetzt kam. Und er wollte es hören.

„Pia springt nicht auf Betten. Und nachts schließen wir die Schlafzimmertür. Wie ist das mit deiner Katze?“

„Die springt immer aufs Bett, wenn ich die Tür nicht zumache. Und wenn ich allein lebe wie momentan, dann darf sie das auch. Sonst mache ich die Tür halt zu. Und wenn ich aufs Klo gehe, muß ich aufpassen, daß sie sich nicht einschleicht. Nicht alle Frauen mögen das.“

Barbara schaut mich an. Bella schaute mich an. Pia schaute uns beide an. Mike hat bei Bella nie wieder eine Chance gekriegt. Ich wollte keine mehr. Und habe mir nie ein Haustier zugelegt.

Sieben Freischwebende Frauen: Anna

Sie hatte das Leben nicht kommen sehen. Plötzlich war es da. Jetzt mußte sie sich damit herumärgern. Dafür war sie sich doch eigentlich zu schade.

Wer war sie beim Sex? Anna verstand das nicht, wie jemand in ihr drin sein konnte, da unten. Wie es jemand wollen konnte. Wer sie da unten war. Warum mit dem Unterleib, hatte Max Frisch mal irgendwo gefragt und keine Antwort gewußt. Fragend küßte sie ihren Liebhaber und diesen Austausch verstand sie. Wenn er nach Chianti und Tortellini schmeckte und ihre Zunge in seinem Mund tun und lassen konnte, was sie wollte.  Dahin gleiten, wo es interessant und neu und noch wärmer und feuchter war: Dabei empfand sie die Freude der heiteren Neugier. Die Kolumbus gespürt haben mußte, als er an Land ging. Anna und Kolumbus wußten nicht genau, wo sie waren, während sie immer weiter gingen, aber das alles war nicht völlig fremd. Es versprach Überraschungen und Entdeckungen. Kann ich die Zunge meines Liebhabers besiegen? Ist meine stärker als seine? Kann ich seine so weit in seinen Mund zurückdrängen, daß er plötzlich würgen muß? Was schmecke ich dann? Und die Hände, die nicht sahen, was sie am Rücken erforschten und die blind herausfinden mußten, wie sie unter die Hose kamen. Wo sie immer hinwollten. Die Hände streichelten immer nach unten. Sie streichelten, damit sie da unten zugelassen wurden. Seine Hände machten das so. Ihre hielten meistens seinen Kopf fest. Damit er sich nicht von ihrer harten Zunge wegbiegen konnte. Ihre Zunge war ihr Schwanz. Und später, unter dem Slip, begann diese Welt, mit der sie nichts anfangen konnte. Wo war da sie? War sie dort noch Anna für ihn?

Alles, was sie über Yoga wußte, hatte sie von ihrer Katze gelernt. Sich in eine Spirale hineindehnen und immer länger werden. Immer weniger nach einer Katze aussehen. Nichts davon selber machen, alles geschehen lassen. Anna wartete, daß so etwas auch beim Sex passierte. Aber da es gab mechanische Zwänge, die man nicht ignorieren konnte. Sie konnte sich hinknieen und ihn machen lassen und ihre Katze imitieren, die beim Sex nie Genuß zu empfinden schien, sondern nur gierig darauf  war, daß es endlich vorbei war. Gierig nach dem nicht Nicht-Mehr-Gierig-Sein. Der Katzenorgasmus war ein kurzer Schrei, der die Freude ausdrückte, den mechanischen Zwang jetzt für ein paar Wochen los zu sein. Die rollige Katze war sich selber viel fremder als die lange Spirale, die sich auf ihrem Sofa immer weiter ins Unmögliche hineindehnte.

Fremde Leute. Das war Annas einzige Möglichkeit zu begreifen, wie man es sich vielleicht für eine Weile einrichten konnte auf der Welt. Zu verstehen, daß man das wollte. Sie schaute Mike

(Sieben Alte Weiße Männer: Mike)

beim Grillen zu. Freunde waren die allerfremdesten Leute. Je näher man sie anschaute, desto ferner schauten sie zurück. Wie die Worte für Karl Kraus.

Das waren nie Tiere gewesen. Das waren nur blasse runde Dinger, die braun wurden. Das hatte mit dem eigenen Fleisch nichts zu tun. Es sich in der Welt einrichten hieß also, die Hälfte der Wirklichkeit zu vergessen. Nach zwei Bier war Mike im Flow und ganz bei sich. Er war der erfolgreiche Jäger, der das Fleisch zubereitete, das er erbeutet hatte. Anna wußte, daß das primitive Pseudopsychologie war und daß auch Mike nur so tat. Dieses war die Postmoderne. Man tat nur so, als ob man etwas ernst nahm. Dann konnte man es eben doch ernst nehmen und jeden, der sich darüber lustig machte, w i e ernst man es nahm, mangelndes Verständnis für postmoderne Ironie unterstellen. Anna schnitt sich mit dem Plastikmesser ein wenig in den Finger.

Der Grill stand vor einer Holzhütte, neben der Wasser in einen Holztrog plätscherte. Anna ging zum Grill. Sie hatte nur zwei Tropfen.

„Hast du was am Finger?“

Mike stieß auf eine sich windende Wurst ein. Anna ließ die beiden Blutstropfen los und auf die Holzkohle zischen.

„Wasch das am Brunnen ab! Bist du verrückt? Wir wollen doch nicht dich essen?“

Anna lächelte ihn an. Der duschte sicher vor dem Bumsen. Sie quetschte ein wenig an ihrem Finger und melkte einen winzigen Abschlusstropfen hervor. Jetzt nur nichts sagen. Das mußte er auch so merken. Er hatte erst zwei Bier. Der Flow konnte noch geerdet werden.

„Schon verrückt, Anna, was man so ausblendet. Diese runden Tierstücke auf dem Grill haben mal viel schlimmer geblutet als du eben. Und jetzt sind sie erst weiß und schlapp und dann braun und knusprig und kein Blut nirgends.“

Telepathie klappte also manchmal. Nicht nur bei Dirigenten. Die konnten in sich einen Sound hören und das Orchester spielte ihn dann. Sie konnte einen Gedanken denken und Mike sagte ihn dann für sie. Anna ging zum Trog. Theatralisch streckte sie ihren Finger aus und hielt ihn unter das Rinnsal. Im Trog stand ein Bierkasten.

Man mußte unberechenbar sein. Aber nicht in Worten. Die verpufften in der postmodernen Pseudoironie. Keine Provokation, die mit einem Wortspiel oder einem Loriot-Zitat nicht aus dem Weg zu räumen war. Mike konnte das ganze Adventsgedicht von dem auswendig. Wie es möglich war, pathetische Weihnachtsworte zur Beschreibung von Mord und Zerstückelung zu gebrauchen, das faszinierte ihn. Das war für ihn der Inbegriff von Literatur u n d Postmoderne. Aber nur die Worte. Er sah dabei kein Bild. Daß Rudolf Höß nach einem langen Holocausttag in Auschwitz ein Beethovenquartett auflegte und seiner Familie schrieb, wie sehr er sie vermißte, das hätte Mike mit Loriots Weihnachtstravestie nie in Verbindung gebracht. Anna schämte sich. Sie hatte ja die Öfen dort gesehen und die Schilder in den Baracken.

„Sei ruhig!“

Die unfaßbarste Aufforderung der Welt.

Du konntest riechen, was 300 Meter von dir entfernt verbrannt wurde, aber solltest nur reden, wenn du dazu aufgefordert wurdest. Und deine halbzerfetzte Decke mußtest du auf Kante falten. Und eine Laus war dein Tod. Das war Wirklichkeit. Wie das Blut auf dem Grill. Aber was konnte Mike dafür. Anna nahm sich reumütig ein Bier. Sie ging wieder zu Mike und senkte ein wenig den Kopf und wartete auf sein Feuerzeug. Er zog die Oberlippe ein wenig hoch, während er das Bier köpfte, um Präzision zu suggerieren und war von sich selber beeindruckt als der Kronkorken über zwei Meter weit flog.

„Fump!“,

sagte er glücklich.

Man mußte also unberechenbar sein in Gesten. Die Sonne schien und Anna setzte sich hinten in den VW-Bus. Der hieß Fred. Die Direktorin ihrer alten Schule hatte die Aura einer wettergegerbten Langstreckenläuferin und eine tiefe Stimme, die manchmal kiekste, wenn sie sie noch tiefer machen wollte. Also wurde Elfriede Fred genannt und der Bus nach ihr. Fred war weinrot und hatte einen Fries von Ottifanten. Sie waren Mikes Markenzeichen. Otto, Loriot und Heinz Rühmann. Die zitieren und imitieren, das konnte er stundenlang und wenn irgendwo in den Feldern Nebel aufkam, zitierte er Celan:

„So bist du denn geworden, wie ich dich nie gekannt.“

Die Wurst der Literatur war für ihn erst weiß und schlapp gewesen, dann hatte er Leute wie Luciano und Anna kennengelernt und er war ihnen dankbar, daß sie ihm halfen die Zitatwürste auf den Bildungsgrill zu legen, wo sie dann plötzlich knusprig wurden. Es war aber nicht sein Grill.

Anna saß hinten in Fred und schaute auf die Hütte. Hier würden sie also den ganzen Tag bleiben. Warum nicht das ganze Leben? Bald würden sich Paul

(Sieben Alte Weisse Männer: Paul)

und Mike darüber streiten, wieviel Genesis (Mike) und Yes (Paul) jeweils gespielt werden durfte. Paul hatte einen CD-Koffer dabei und war immer der Ober-DJ.

Warum mit dem Unterleib? Warum ganz in der Nähe von Öffnungen, die Urin und Kot produzierten? Warum nicht nur mit dem Mund? Ok, dachte Anna, ein Orgasmus kann auch im Bauch anfangen. Sie ging eine Wurst essen.

Sieben Freischwebende Frauen: Emma

„Luciano, ich bin begeistert!“

Emma wollte nur meinen Geist. Sie wollte ihn aber so flüssig lesen können, wie er bei mir rauskam. Also schrieb ich mit der Schreibmaschine. Liebesbriefe, die keine sein durften.

Die bayrische Grundschule war schuld. 1971 lehrten sie dort das Schreiben auf einer kleinen Schiefertafel. So groß wie ein Tablet. Links Halterungen für einen winzigen Schwamm und die dünne Kreide, die natürlich immer abbrach. Alles zusammen roch wie nasser, trauriger Hund.

Mein Vater, selber Lehrer, verbot ihnen die Zwangsumschulung auf die rechte Hand. Dies war das Bayern von 1971, wir reden also vom Mittelalter und außerdem war ich Preuße, sogar in Berlin selbst geboren und hatte mich nicht so anzustellen. Wenn Sie aber mit der linken Hand auf einer Schiefertafel schreiben, dann wischen Sie mit dem Ärmel das meiste wieder ab und riechen nach einer Weile selber nach nassem und sehr ängstlichem Hund. Die Lehrerin trug immer geblümte Schürzen. Das hatte irgendwas damit zu tun, daß ihre Familie eine Bäckerei betrieb. So hatte ich es jedenfalls verstanden und stellte mir immer vor, daß sie vor der Schule in der Backstube gestanden war und da das eben das Bayern von 1971 war, halte ich es noch heute für möglich, daß sie gar keine richtige Lehrerin war, sondern nur nebenher zwei, drei Stunden Kinder auf der Schiefertafel quälte. Also dann bitte gerne mit links, der Herr Vater ist ja Gymnasiallehrer und wenn der Herr Sohn alles wieder abwischt, was er ja mit rechts nicht tun würde? Dann war das nicht ihr Problem. Preussen waren nicht ihr Problem.

Also hob ich den Arm an. Und rammte die dünne Kreide so zwischen Daumen, Zeige- und Mittelfinger, daß sie einigermaßen stabil blieb. Natürlich brach sie oft ab. Und natürlich mußte ich den Ärmel hochkrempeln, weil ich sonst doch etwas abgewischt hatte. Ein paar Wochen später ging es mit dem Füller genauso weiter. Ich hielt ihn wie die Kreide.

Sobald ich das durfte, ca mit 14, ging ich in der Schule auf Kugelschreiber und schiefe Druckbuchstaben über. Nur schnell weg von dem Geschriebenen. Bei den Liebesbriefen für Emma, die keine sein durften, mußte ich doppelt schnell vom Geschriebenen weg. Damit ich nicht sah, wo sich die Liebe doch einschmuggelte. Das Große Angstvolle Parlando Des Nassen Hundes.

„Luciano, deine Briefe gefallen mir besser als alle von Werther.“

Es war dies noch die Phase der karierten Hemden, der Sandalen und der völligen Ahnungslosigkeit, wie ich überhaupt aussah. Nirgends war Welt als innen. Die Depression merkte das schnell und stellte mich nachts vor den Spiegel. Ich schaute immer wieder nur für eine Sekunde rein, Akne hatte sich ja auch schon eingestellt, aber bekam nie ein Bild hin. Das, was ich sah, ängstlich, bleich, picklig, der Hals zu lang, die Schultern abfallend, das konnte ich ja nicht sein. Also war ich in den Briefen.

Ein mäandernder Plauderton. Überlegen von Ast zu Ast hüpfend, inzwischen war ich 16 und hatte die entsprechenden Briefe gelesen. Vor allem Friedrich Torbergs zitatreiche Spielwiesen waren Heimat geworden.

Emma war nicht so recht zu Hause auf der Welt. Und daß sie ein materielles Ding war, das Schmerzen haben konnte, das man zerstören konnte, das einfach weg sein würde eines Tages, das empörte sie. Es empörte sie keineswegs für die anderen. Bevor es uns verboten wurde, Autismus als Metapher zu gebrauchen, hätte man ihr eine milde Form davon unterstellt. Nicht als Krankheit. Als Unwillen zu begreifen, daß die Anderen ihr materielles Sein und die Drohung ihres einstigen Wegseins ebenfalls zu sublimieren hatten. Menschen waren wie Bücher, Tiere oder Briefe. Man konnte sie sehr lieben, manchmal für ein paar Sekunden sich ihnen nahefühlen oder sie soweit begreifen, daß man ihr Verhalten einigermaßen vorhersagen und steuern konnte, aber sie waren doch nicht wie man selber. Auch bei ihr war nirgends Welt als innen.

Ich blendete also völlig aus, daß ich ein Außen h a t t e. Ich war ganz in der Stimme, die schnell, tief und sicher wurde. Die einzige Art einen ganzen Raum zu ficken, war vorlesen. Sie werden in Deutschland bis heute kaum jemanden finden, der ohne entsprechendeAusbildung nicht nur gerne, sondern sinnvoll, wohlmoduliert und mit einer Idee des Satzes vorliest, den er vor Augen hat und dabei imstande ist, schon den nächsten zu planen. Wir hatten keinen Fernseher zu Hause, aber ich war nicht älter als 6, da hatte ich mein eigenes Radio. Menschen entstanden vor meinen Augen, die ihre Stimmen w a r e n. Bis ich ca 14 war, wußte ich nie, wie sie wirklich aussahen. So blieben sie geheimnisvoll. Kamen tief aus ihrem Inneren. Und waren dann ganz bei mir. Ganz anders die flachen unwilligen Näselstimmen, die ich in der Klasse beim Vorlesen bemitleidete. So wie ich rumlief, Sandalen, Karohemd, hängende Schultern, depressiver Schlurfgang, so l a s e n sie. Ich aber las so, wie sie sich stylten: Locker, sicher, auratisch. Die Lehrer begriffen sehr schnell, wie gerne ich vorlas. Sodaß sie mich bei jeder Gelegenheit dazu aufforderten und eventuell verstand Emma, da sie ja meine Briefe kannte, daß ich mein Publikum fickte beim öffentlichen Vorlesen und daß das der einzige Fick war, zu dem ich überhaupt kam. Ich sah den Satz und ich sah sein Tempo und ich konnte die Stimme heben an der richtige Stelle und es strömte und ich war der Mann im Radio und ich wußte: I c h hatte diesen Satz geschrieben. Nicht Goethe war es gewesen, ich. Und Goethe konnte sich ja nicht mit mir messen, von ihm gab es keine Aufnahme. Ich war Goethe. Dabei war ich nicht mal Werther. Der kleidete sich modisch.

Da ich also für Emma aus dem Radio kam, weil sie nur meine Stimme, meinen Geist und meine Sätze wollte und sie beim Lesen zwar hörte, wie ich zu ficken versuchte, sie aber das Überwältigtwerden durch meinen Geist akzeptierte, vergaß Emma immer mehr, daß ich keine Berührung von ihr bekommen konnte und wie das sein mußte.

Der Bus machte eine Vollbremsung. Emma stand einen Meter von mir weg. Ich prallte gegen sie. Das war das einzige Mal, daß ich sie berührte.

„Luciano, könntest du dich in Zukunft bitte so festhalten und einen eventuellen Fall so vorherplanen, daß du nicht mehr gegen mich fällst.“

In dem freundlichen Ton, mit dem Sie Ihren Pekinesen vom Sofa heben. Du weißt doch, daß du das nicht darfst. Auch wenn du nur ein häßlicher kleiner Hund bist, d a s weißt du schon und also machst du es b i t t e nie wieder. Sie wußte, was sie mir antat. Sie wollte es mir nicht antun, sie mußte. Es durfte keine Berührung geben. Ich hätte angefangen zu existieren. I c h wäre es gewesen, der mit seinen Briefen ihren Geist traf, der Quasisexuelles in ihr Lesen brachte. Ich konnte ja gerne ihren Körper meinen, so lange ich selber keinen hatte. So lange sie nicht wußte, wie sich der anfühlte.

Sie wurde nicht gerne aufgerufen und haßte es, vorlesen zu müssen. Dabei hatte sie eine ruhig und klare Stimme, für deutsche Verhältnisse, wo man sich mit allem ausdrückt, nur nicht mit dem Mund, sogar eine außergewöhnlich wohlmodulierte. Daß sie es haßte vorzulesen, war zu hören, aber nur dadurch, daß sie jede Emphase vermied und so verlas sie die Briefe von Werther wie Dagmar Berghoff die Opferzahlen einer Gasexplosion vorliest.

Sie ist dann später zum Fernsehen gegangen und im Radio können Sie sie auch ab und zu hören. Immer noch findet sie es aber unangenehm, öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Wenn Sie Leute von früher kennen, die dann Moderator, Politiker, Schauspieler oder sonst etwas wurden, was Sie ohne eine milde Form des Exhibitionismus nicht werden können, dann stellen Sie in der Rückschau fest, daß diese Leute einen gewissen Hang zur Selbstaustellung schon immer zelebriert hatten. Autisten aber ziehen nur ungern die Augen auf sich und die, die Menschen unscharf als nette Pekinesen sehen, die bitte nicht aufs Sofa springen sollen, die sehen öffentliche Aufmerksamkeit als eine Nähe an, die Pekinesen so wenig zukommt wie das Sofa.

Emma machte alles richtig. Aber wehe, es ging etwas schief. Dann haßte sie es. Dann haßte sie sich dafür, daß sie es haßte. Und so befahl sie sich für den Fall der Fälle, immer ruhig und professionell zu bleiben. Nicht überzureagieren. Sie blieb professionell. Sie wurde mechanisch, ihr Lächeln gefror und sie trat innerlich einen Schritt zurück. Sie nahm sich noch fester an die Kandare. Zuschauer und Hörer haben aber einen Instinkt dafür, wer sich ihnen entziehen will. Wenn Sie Politiker, Schauspieler oder Moderator sind, dann ist ein Teil Ihres Jobs das Ficken der Öfffentlichkeit. In Ihren brillantesten Momenten fühlt sich jeder einzelne von Ihnen höchstpersönlich gefickt. Sie ficken aber niemanden, wenn Sie sich ihm ständig entziehen. Wenn Sie innerlich immer einen Schritt zurücktreten, wenn etwas schiefzugehen droht und zwei, wenn es schiefgegangen ist.

„Die kann alles und macht alles richtig und es kommt nichts dabei rum. Und du kannst nicht mal lachen, weil sie dir leidtut. Ein trauriger Vollprofi.“

Herta ist Synchronsprecherin, Schauspielerin, Regisseurin und Sängerin. Alles, was auf einer Bühne oder vor einer Kamera je geschehen ist, hat sie gesehen oder selber gemacht. Wenn in einer Premiere ein Kollege mit dem falschen Text oder durch die falsche Tür oder erst mal gar nicht auftrat, scheiss drauf, The Show will go on.

„The Show  m u s t go on. Das denkt d i e. Und das merkt man. Die hätte Apollo 13 nie runtergebracht. Die kriegten die nach Hause, weil sie es wollten und nach vorne dachten. Nach vorne s p r a n g e n. In die Scheisse rein. Dann strampeln und dann dreckig aber glücklich an der anderen Seite wieder raus. Und sie redeten vorher mit Houston über alles. Sie versuchten es nicht allein.“

Herta ging Fehlern und Katastrophen entgegen. Sie war allerdings auch immer in Kontakt mit dem Publikum. Sie holte sich ständig Rückkopplung und sah es dabei an. Und wenn es sein mußte, sprang sie ihm ins Gesicht. Emma war nicht anwesend. Sie sah keinen an. Sie wollte nicht gesehen werden. Sie sollten eine Moderatorin sehen, glatt wie Teflon und fehlerfrei wie Stahl, aber keine Emma, nirgends. Fehler, Pannen, alles, was die Anwesenheit einer wirklichen, atmenden Emma erfodert hätte, das mußte sie also hassen. Eine abwesend Anwesende. Die zwar abstrakt durchaus begriff, daß ihr Job zumindestens einen kleinen Schuss Exhibitionismus erforderte hätte, die es aber einfach ohne diese Zutat versuchte und sie kam damit durch. Seit dreissig Jahren moderiert sie nun alles Mögliche und immer noch haben Sie das Gefühl, daß sie es haßt. Nicht, daß sie S i e haßt. Sie sind ihr egal. Alle haben das Gefühl, daß Emma nur mal kurz eingesprungen ist. Daß sie eigentlich die Regisseurin ist, die heute nur ran mußte, weil die Moderatorin krank ist. Und die den Job dann halt macht, vor lauter Angst und Genervtheit sogar völlig korrekt, aber nur, weil sie dabei kalt bleibt wie eine verdammte Hundeschnauze. Dreissig Jahre lang.  Kann jemand 30 Jahre lang sein Publikum ignorieren und noch hoffen, daß es das nicht merkt? Emma war damit durchgekommen. Hey, das waren öffentliche-rechtliche Anstalten. Die kriegten 7 Milliarden im Jahr dafür, daß sie darauf scheissen konnten, was das Publikum dachte. Oder warum glauben Sie, haben sie uns 20 Jahre mit Heribert Faßbender gequält? Weil sie es konnten. Leckt uns am Arsch allerseits.

Einmal moderierte Emma einen Nachttalk im Radio. Da konnten Sie zwischen 23 und 24 Uhr anrufen und zu einem bestimmten Thema Ihre Sorgen loswerden. Der Moderator führte Sie einfühlsam da durch, vergewisserte sich in einem kurzem Vorgespräch, daß Sie nicht völlig von der Rolle waren und wenn das alles gut lief, entstanden kurze Momente, wo der Zuhörer im dunklen Zimmer, der Moderator im hellen Studio und der sorgenbeladene Anrufer da draußen sich kurz einander nahe fühlen konnten. Ein Flow des Verstehens rauschte heran und nahm alle mit. So war das jedenfalls bei ihrem Vorgänger gewesen.

Natürlich nicht bei Emma. Wenn Sie im Bus sitzen und eine halbverrückte Oma erzählt Ihnen von ihrer Bestrahlung und was ihr toter Udo dazu meint, und Sie wissen nicht, ob irgendetwas davon stimmt, dann versuchen Sie Ihr nettestes

„Ja, klar, ich verstehe, das ist schwer für Sie.“,

zu murmeln und möglichst schnell auszusteigen. So moderierte Emma das. Könnten Sie bitte so erzählen, daß Sie nicht gegen mich fallen. Seitdem schalte ich sie immer ab. Radio ist mir heilig.

 

 

Sieben Alte Weisse Männer: Klaus

Wenn er nur wüßte, was die anderen wollen. Für Klaus sind sie ein Rätsel. Er versteht nicht, warum sie so viel reden. Und wovon eigentlich. Steigen Sie mal mit ihm auf einen Berg. Er fragt Sie erst mal, ob Ihnen bewußt ist wie Sie laufen.

„Du trittst sehr stark mit dem linken Ballen auf und dann mit dem rechten Außenrist. Merkst du das nicht?“

„Skoliose, meine Wirbelsäule macht unten einen Bogen.“

„Und so gleichst du das aus?“

„Ich lasse manchmal frühmorgens alle Muskeln los und spüre, wo die Spannungen sind. Und die Hauptspannung verstärke ich bis zur Unerträglichkeit. Löst sich da was, bewegt sich an anderer Stelle was in die richtige Richtung.“

„Woher weißt du, was die richtige Richtung ist?“

„Mein Körper weiß es. Da ist er wie Gott.“

Auch Klaus steigt ja auf diesen Berg, um Gott besser zu hören. Menschen muß er bitten, laut und mit deutlichen Lippenbewegungen zu sprechen, er ist schwerhörig. Er neigt dann den Kopf bedächtig nach links und schaut Sie gespannt an. Der Einzige, den ich kenne, der wirklich i m m e r wissen zu wollen scheint, was jetzt kommt. Der wirklich damit rechnet, etwas zu hören, das ihm neu ist. Denn machen Sie sich nichts vor:

Die meisten Leute interessieren sich einen Dreck dafür, was Sie konkret sagen. Entweder es paßt zu dem, was sie jetzt hören wollen, im Guten oder im Schlechten, oder sie können es schlicht nicht brauchen. Weil es nicht zu dem paßt, was sie von Ihnen denken wollen. W e n n es zu Ihnen paßt, dann wissen sie das bei Ihren ersten Worten. Und wenn Sie sich weigern, brav auf dem ausgetretenen Pfad ihrer Erwartung entlangzulatschen und sie Angst bekommen, daß Ihre Antwort etwas völlig Neues in die Diskussion bringen wird, dann wedeln sie mit der Hand oder zucken mit den Schultern. Denn sie wollen nichts Neues wissen, nicht über Sie, nicht über sich, nicht über die Welt. Nicht weil ihnen das Alte mehr gefällt als die schiefe Ikea-Schrankwand „Smorrebrod“ in ihrem Wohnzimmer, aber wenigstens haben sie die selber zusammengeschraubt und sich außerdem daran längst gewöhnt, so zu wohnen.

Klaus erwartet aber immer, d a ß Sie etwas völlig Veblüffendes und Neues sagen. Etwas, über das er dann tagelang nachdenken muß und das sagt er dann auch. Er werde darüber jetzt erstmal eine Weile nachdenken. Und wenn Sie es selber schon längst vergessen haben, kommt er drauf zurück. Den anderen hören, Gott hören. Selbstbewußt antworten.

„Dein Körper ist in dieser Hinsicht wie Gott, hast du beim Aufstieg gesagt.“

Inzwischen hocken Sie beide in einer Berghütte und Sie versuchen sich daran zu gewöhnen, daß es Gegenden auf der Welt gibt, wo Sie kilometerweit kein Handynetz haben. Klaus macht das nichts aus. Er will mit Ihnen über Gott reden. Der ist für Sie beide etwas völlig Konkretes. Er ist eine Person, über die Sie reden können. Und die mit Ihnen redet. Glaube ist kein Geschwafel. Ja, Ja, Nein, Nein.

„Der Körper ist meistens nur eine dumme Gewohnheitsmaschine. Wenn du um immer um 7 frühstückst, bist du um 7 immer hungrig. Nach drei Tagen hast du ihn aber umerzogen. Dann ist er halt um 10 hungrig. Vorher warst du zwei Tage immer noch um 7 hungrig und ihr beide aufeinander sauer, weil es nichts zu essen gab. D i e s e r Körper ist dämlich und weiß von nichts. Nicht mal, daß er sterben wird.“

„Der ist also wie ein verzogenes Kind, quengelt und sieht nichts ein?“

„Genau. Aber machmal, um halb vier morgens, sagt er dir, du sollst dich auf die linke Seite drehen und den Kopf wirklich auf das Kissen legen.“

„Der da schon lag?“

„Der da schon lag, der aber nicht darauf ruhte.“

„Die ganze Nacht? Nur lag, aber nicht ruhte?“

„Wenn es woanders wehtut, zum Beispiel im linken Iliosakralgelenk, also dem Ding, das immer einschnappt und dann das Bein unter Spannung setzt, dann ziehst es dir wie bei jedem Schmerz auch die Halsmuskeln zusammen. Dauerhaft. Für Jahre.“

„Das bleibt auch nachts? Du merkst es gar nicht mehr? Es ist aber da?“

„Du hältst beim Schlafen deinen Kopf in der Luft. Das ist schwer zu glauben, aber wenn er dann wirklich mal auf dem Kissen l i e g t, dann merkst du, daß du 40 Jahre lang einen Körperkrampf Schlaf nanntest.“

Klaus wollte wirklich wissen, was für ein Gedächtnis sein Körper hatte. Was der alles speicherte. Daß es möglich war, 40 Jahre die Halsmuskeln zusammenzuziehen und das normal zu finden. Und eines Nachts, da sagte dein Körper, da sagte Gott in deinem Körper, daß du das jetzt mal spüren solltest, ein letztes Mal, noch einmal genau die Stelle zwische Kehlkopf und Kiefer so fest anspannen, daß es knackt und das linke Bein sich ebenfalls zusammenzieht und dann atmest du aus, endlos, wie nach einer Geburt.

„Was wurde geboren?“

„Du. Der in dir drin. Der wollte raus. Aus deinem Körper.“

Klaus und du, ihr seid  beide katholisch genug, um gegen jedes Esoterikdahergerede völlig immun zu sein. Die Wandlung war eine tatsächliche Transubstantiation, kein Bild davon, die Auferstehung erfolgte dereinst im wirkliche Fleische und nicht in einem läppischen Astralkörperchen und Jesus hatte diesselben Schmerzen gehabt wie jeder andere Gefolterte auch. Daß er dabei näher bei Gott gewesen war als der räudige Normalkatholik, das blieb zu diskutieren, denn ganz Mensch war er ja nur gewesen, w e n n er in der Qual anfing zu zweifeln. Warum, verdammte Scheisse, hast du mich verlassen. Neigte das Haupt und fluchte. Wenn zur Qual der Nägel die des Zweifels noch höhnisch sich dazugesellte. D a s war der Mensch. Wenn also im Menschen etwas drin war, das raus wollte und sollte, damit er diesen neuen Leib bekam, von dem die Bibel sprach, dann war das völlig konkret zu nehmen. Keine Wohlfühlesoterik, die vom Loslassen lullte und dir nicht sagte, wie du das loslassen solltest, das mit dir verwachsen war wie der Zehennagel mit dem Fleisch. Sondern unter Schmerzen solltest und würdest du gebären, was Gott in dich gelegt hatte. Die Qual war nicht anzubeten, sie war zu akzeptieren, weil sie die enge Pforte war. Das alles wußte Klaus. Er war der einzige, den du kanntest, der den „L´Osservatore Romano“ las. Wer die offizielle Zeitung des Vatikan abonniert hatte, war weitgehend gegen eine  Versuchung gefeit, die selbst  Petrus einst überkommen hatte: Auf dem Berg zu bleiben und sich da eine Hütte zu bauen und dort mit den Gleichgesinnten arrogant-kontemplativ zu hausen. Klaus und dich mußte so schnell keiner ins Tal der Tränen zurückscheuchen. Ihr kanntest es so gut, daß ihr es schon vermißtet, wenn ihr ein paar Tage in lichteren Höhen wandern durftet. Also interessiert ihn, wie konkret das Gebären jenes  anderen Menschen denn werden konnte.

„Sehr konkret. Du reißt dir praktisch deine eigene Hüfte raus. Besser gesagt, nachdem du die Halsmuskeln, die du 40 Jahre zusammengezogen hattest, ein letztes Mal anspannst und dann aus der Haft entläßt, merkst du wie dein linkes Bein von dir wegstrebt, als ob es beschlossen hätte, dich zu verlassen. Die Bänder knirschen. Drei Tage Muskelkater.“

„Du nimmst Gott aus deinem Kopf und läßt ihn wirklich in dir wohnen?“

Klaus hatte die riesige eiserne Pfanne genommen, die ganz flach und so schwarz war, daß man den Ruß auch innen von ihr abscheuern wollte. Bis man merkte, daß es eine Schwärze war, die ihr zukam. Weil sie alt war und wohl schon Jahrzehnte in dieser Hütte wohnte. Einer, der schon lange tot war, hatte sie damals als einziges Gepäck hier hochgeschleppt und nun duldete sie keine Töpfe oder gar anderen Pfannen neben sich. Alles wurde in ihr zubereitet. Es gab nur sie. Sie war Gott.

„Sagen doch beide, Jesus und sein Vater, daß sie Wohnung nehmen werden in dir. Das ist keine Metapher. Du kannst sie spüren, wenn du nachts durch die dunkle Wohnung gehst und nicht ein einziges Mal stolperst und mit einem Griff alles findest, was du brauchst. Sie leiten deine Füsse und deine Hand. Das alles ist sehr konkret.“

Klaus neigte den Kopf und schaute dich an. Gott stand in der Tür der Hütte und freute sich über euch beide. Endlich waren mal zwei in Seinem Namen zusammen und redeten Klartext.

Sieben Alte Weisse Männer: Hans

Bayer, Genie, Barfußläufer.

Er ist so den Jakobsweg gegangen. Ohne Schuhe. Allegra, seine Freundin, berichtete mir, daß sich entgegenkommende Pilger bekreuzigten. Über Schotter, über Kiesel, über Teer, hunderte Kilometer. Allegra hatte für Badelatschen geworben. Die zog er zu Hause an, wenn im Winter der Boden sehr kalt war. Nur damit die Füsse nicht wirklich bald zu bluten anfingen, flehte Allegra. Er zog kurz hellblaue Plastikschuhe an und dann sah sie an seinem Blick, daß er beim Pilgern auch ein paar kleine Schmerzen haben wollte, aber ingesamt viel weniger litt als sie beim Zusehen und da schämte sie sich solcher Bemutterung sehr. Und verstaute die Latschen in ihrem Gepäck.

Und Hans hatte auch noch natürliche Rastalocken. Und diese runde silberne Brille, die Gustav Mahler auf vielen Fotos trägt. Sein Profil ähnelte ihm auch. Nun stellen Sie sich einen rastalockigen Gustav Mahler vor, die Größe kommt hin, aber mit viel breiteren Schultern, der Ihnen barfuß auf dem Jakobsweg entgegen kommt, Ihnen kurz einen enorm stechenden Blick zuwirft und dann lässig „Grüß Gott“ sagt. Sie bekreuzigen sich quasi automatisch mehrfach.

Der stechende Blick war eine Art Scan. Hans spielte Tuba und Didgeridoo und komponierte auch für diese Instrumente. Nach einigen Jahren in mittelgroßen Orchestern, wo er sich zwar zu den Aufführungen Schuhe anzog, nicht aber zu den Proben, war er nur noch freier Künstler. Natürlich mißbilligten die damaligen Kollegen, daß der Barfüssige ab und zu auch als Solist in Stücken vor ihnen stand, die Freunde von ihn komponiert hatten, natürlich atonal. Musikvollzugsbeamte nannte Hans solche Orchestermusiker. Wenn er das Tubakonzert von Helmut Lachenmann mit der entspannten Angriffslust eines kleinen Elefanten in die verblüffte Welt röhrte, hatten auch diese Musikwärter den Eindruck, daß Kunst ursprünglich mal so etwas gewesen war. Daß Beethoven selber seine einst so gemeint hatte.

Also mußte Hans die Leute scannen. Ihre erschreckte Verblüffung wandelte sich natürlich leicht in wohlfeilen Spott und da Hans auch von Aufträgen öffentlich-rechtlicher Anstalten lebte, ob Hörspielmusiken, Auftragskompositionen oder eben Aufführungen von Solowerken, die kaum einer sonst spielen konnte, mußte er seinen barock-bayrischen Sarkasmus zumindestens gegenüber einigen Südwestrundfunkredakteuren und anderen Pfründenverteilern etwas in Zaum halten. Und vorher scannen, bei wem sich das überhaupt lohnte.

Er war aber eigentlich nicht schwierig. Sie konnten problemlos mit ihm ein bis zehn Bier trinken gehen, und daß er viele Geschichten zu erzählen hatte, werden Sie ahnen. Wenn er davon berichtete, wie in den entlegensten Gegenden der Welt Menschen auf ihn instinktiv mit der Verehrung reagierten, die einem Schamanen zukommt und Kinder und Uralte nicht ein einziges Wort mit ihm sprechen mußten, um ihn besser zu verstehen als ein ganzes Orchester, dann gingen Sie mit den Grundelementen einer Heldensaga nach Hause, an der Sie nicht zweifeln konnten. Und doch war das alles so schwer zu glauben. Und Sie hatten endlich einen Eindruck davon, wie es gewesen sein mußte, Beethoven persönlich zu kennen. Denn Hans hatte vielleicht ein Profil wie Mahler, seine rabauzig-kauzige Art aber war die Beethovens. Dazu ein barock-bayrisches Deutsch:

„Dein hämorrhoidales Herumgerutsche auf dem wackeligen Holzstuhl ist kein Rap, sondern angstschwangeres Krampfgebaren.“

So zu mir, nachdem er mich aufgefordert hatte, eines meiner Gedichte, das wir zu Musik von ihm aufnahmen, in Sprechgesang zu verwandeln. Ihm war die Welt vor allem Klang. Klang wurde von kraftvollen Körpern erzeugt, aus denen ein Lebensstrom blies, der fast allen Gegenständen Töne und Vibrationen entlockte, die Sie vorher nicht nur noch nie gehört hatten, sondern die Sie sich auch nie hätten vorstellen können. Das Didgeridoo war ihm mit seinem einzigen Ton eine Art Mauseloch, durch das er in eine uralte vorzeitliche Welt kriechen konnte, die seit Ewigkeiten in der Sonne lag und die auf niemanden wartete. Natürlich wäre Hans auch unter Aborigines nicht aufgefallen. Und eines seiner Werke für Didgeridoo und Orchester nannte er auch „Ab Origine“. Hans stand am Alphapunkt, schaute ins Weite und blinzelte hinter der Mahlerbrille.

Ein Alphat i e r war er aber auch. Wenn er an seiner steinernen Tafel im Innenhof seines Hauses saß, den er ohne jede Kitschbeigabe in einen venezianischen Ort verwandelt hatte, mit überkreuzten Beinen auf einer Art Thronsessel und zufrieden um sich blickte, während ein mächtiger Fisch im eisernen Ofen zischte, dann waren Sie nur ein weiteres Ornament seiner selbsterschaffenen Umgebung. Hier holte er sich den Respekt, den er von Musikvollzugsbeamten nicht bekam. Sie durften auch ein Künstler sein, aber Sie waren dann eben Karl Czerny und er Beethoven. Und wenn Beethoven auch nur eine Tonleiter spielte, dann war das eben etwas anderes als wenn Czerny eine ganze Sonate komponierte. Und während Hans alles mit der ruhigen Kraft eines kleinen Elefanten verrichtete, wußten Sie ihm gegenüber nicht so recht, wohin mit Ihrem eigenen Körper. Ich saß dann immer still im Halbdunkel an der steinernen Tafel und stellte mir vor, wirklich in Venedig zu sein und mit Poseidon zu plaudern. Das einzige an mir, das den Eindruck von körperlicher Kraft vermittelte, war meine tiefe Stimme, die ich über die Jahre gelehrt hatte, völlig ruhig zu strömen. Sodaß ich, vergaß ich meinen Körper, beim Sprechen musikalisch ein wenig mit Hans mithalten konnte.

Auf dem Höhepunkt der Vogelgrippenhysterie plante Hans, der einem grimmigen Scherz mit der baldigen Apokalypse nie abgeneigt war, nachts tiefgefrorene Hähnchen in den See vor seinem Stammcafé zu werfen und dann die Polizei zu rufen. Verendete Vögel  trieben im See! Und das entstehende Chaos zu genießen. Da ihm aber Leben und Nahrung gleichermaßen heilig waren und er außer Fischen keine Tiere aß, beließ er es bei der genüßlich ausgemalten Verwirrung, mit der die Polizei endeckte, daß die Vögel alle keinen Kopf mehr hatten.

Die Polizei kannte ihn natürlich gut. Hans sprach immer völlig ruhig mit ihnen, wenn sie wieder einem nächtlichen Kontrollzwang unterlagen. Denn manchmal lief er nach Mitternacht die zwei Kilometer zu Allegras Haus, angenehm betrunken, aber mehr wiegend im Gang als irgendwie schwankend. Natürlich wußten die Beamten, wenn sie vor sich hatten und daß er keinen Ärger machte. Aber sie waren die Polizei und konnten ihn nicht einfach in Ruhe lassen. Sie mußten ihm zeigen, daß sie ihn gesehen hatten. Eines Nachts stoppten sie neben ihm und fragten:

„Herr Messmer, können wir bitte mal Ihren Ausweis sehen. Personenkontrolle.“

Die Blödsinnigkeit dieses Ansinnens zeigte das Ausmaß der Verwirrung, in die Hans Autoritäten aller Art versetzte. Barfußlaufen war legal, Bermudashorts und freier Oberkörper waren der Augustnacht angemessen, sein Gang zielgerichtet und sicher und außerdem war Hans noch 200 Meter von Allegras Haus entfernt. Aber die Bullen m u ß t e n einfach das Bein heben und ihr Revier markieren.

„Wenn Sie wissen, wer ich bin, warum wollen Sie dann den Ausweis sehen?“

Auf diese Frage gab es keine Antwort, die die baumpinkelnde Trachtengruppe nicht noch lächerlicher hätte wirken lassen. Also wiederholten sie einfach ihren Unsinn und ließen seinen Namen weg.

„Können wir bitte mal Ihren Ausweis sehen.“

Hans wies auf seine Bermudashorts, die das einzige sichtbare Kleidungsstück an ihm waren. Und darauf hin, daß er keinen Ausweis mit sich führe, wenn er in seiner Stadt unterwegs zu seiner Freundin war.

„Und bitte, setzen Sie Ihre schikanöse Wilkür gerne fort. Vielleicht fahren Sie mich die letzten 200 Meter zu meiner Freundin, eventuell mag Sie Ihnen bestätigen, was Sie schon wissen. Oder Sie fahren mich zu Ihrer Dienststelle und behaupten weiter die Durchführung einer Identitätsfeststellung. Blasen wäre mir aber am liebsten.“

Hans wegen seines entspannten Seemannsgang als hilflose Person unter Alkohol zu bezeichnen, wäre selbst den Bullen nun lächerlich vorgekommen. Das Blasen unterließen sie wohlweislich, weil sie sich erinnerten, wo Hans sonst so reinblies und daß er durch lockere Zirkularatmung einen Wert von 0,0 erzeugen konnte. Es gab außerdem das Gerücht, daß er bei einer anderen Gelegenheit zwei Röhrchen mit einem kurzen Puster zum Platzen gebracht hatte. Gefällig zu Allegra kutschieren wollten sie ihn nun auch nicht und eine Identitätsfeststellung von Herrn Messmer durchzuführen, der auf dem Revier in drastischen Worten weiterhin die Willkür ihrer Maßnahme angeprangert hätte, war ihnen in der Tat auch vor den Kollegen dort, die ihn fast alle kennen würden, zu peinlich. Beleidigt hatte er sie auch nicht direkt und so fragten sie ihn abschließend nur, ob es ihm denn gut ginge. Hans grinste wölfisch.

„Jetzt wieder.“

Und ohne um Erlaubnis zu fragen, zockelte er seelenruhig auf  den Garten von Allegra zu und verschwand im Halbdunkeln. Die Polizisten ließen ihn gehn. Denn außerdem war er stärker als sie.

Wegen Allegra sind Hans und ich keine Freunde mehr. Als er sich von ihr trennte, brachte ich sie zum Sprechen. Es war nichts Dramatisches passiert. Sie hatte nur eines Tages auf den Boden seines Schlafzimmers gewiesen, wo dutzende Kleidungsstücke verstreut lagen. Hans trug nicht viel, aber er zog sich oft um und seinen quasibuddhistischer Schlabberlook auf Bügel oder über Stühle zu hängen, kam ihm lächerlich vor. Und außerdem lief er gerne über den Stoff.

So wie er mit der Kleidung, so gehe er auch mit Menschen um. Fallenlassen und dann drüberlaufen. Denn natürlich war er auch der kleine Sonnenkönig Kalle Unwirsch. Wer ihm in dem widersprach oder nicht parierte, was er für essentiell zu halten geruhte, der wurde erst einmal prophylaktisch mit halbernst gemeinten Beschimpfungen überzogen, um ihn zum Einknicken zu bewegen. Blieb er stur, wurden die Schrauben immer enger gezogen. Und ich hatte mit Allegra nicht über ihn zu sprechen. Er respektierte sie immer noch enorm und vor ihrer kurzen Beziehung war sie jahrelang seine Vertraute gewesen. Über ihn hatte ich aber wie alle nur zu wissen, was er selber preisgeben wollte. Also bezichtigte er mich erst der „schwitzigen Minne“ ihr gegenüber und als ich mich dann immer noch nicht wieder brav in sein Lager stellte, wurde ich zum „Furunkel an der Sacknaht Amors ernannt.“ Nachts, auf der Mailbox.

„Furrrrrunkl. Fuuuuuurunkkkkl.“ Eine Viertelstunde lang.

Hans konnte jeden Laut in eine Explosion wohliger Totalverachtung verwandeln.

Hans stand immer quer in Ihrer Optik. Es genügt, daß er in Ihre Behörde reinlatschte, „Grüß Gott“ sagte und Ihnen auffiel, daß der Mann keine Schuhe trug. Und vielleicht meinten Sie jetzt, ihn darauf hinweisen zu müssen, daß in Ihrer Behörde das Tragen von Schuhen obligatorisch sei. Und auf die Frage nach dem Grund, dachten Sie sich schnell einen aus, denn natürlich gab es keinen.

„Sicherheitsgründe.“

Natürlich wurden Sie jetzt sofort gefragt, ob Sie Ihre Behörde eventuell mit einer Stahlkocherei oder einer Pferdekoppel verwechselten. Und daß im weitgehend papierlosen Büro die Aktenordner wohl nicht mehr so dick sein würden, daß ihr Herabfall seine Füsse brechen könnten.

Schnell merkten Sie also, daß der Mann nicht aufsässig war, er nahm Sie schlicht kein bißchen ernst.  Ihr Problem bestand außerdem darin, daß er solche Situationen dauernd erlebte und für Sie war es das erste Mal. Und Sie ahnten, wie die Bullen es in der Augustnacht auch schnell eingesehen hatten, daß am Schluss S i e in lächerlichster Argumentationsnot sein würden, während er immer noch einfach nur da stand. Und Sie wußten plötzlich, warum die Menschheit so gerne Minderheiten umbringt. Einfach, weil ihr Andersein ihnen so selbstverständlich ist wie ihr Amlebensein. Haushunde hassen den Wolf, weil er ihnen so ähnlich ist, aber doch erkennbar freier darin. Und so zerren sie an der eisernen Kette und wollen ihn umbringen. Und können es doch nicht. Und der Wolf steht einfach nur da, im halben Morgenlicht und schaut Sie ruhig an und da merken Sie es endlich.

„Ich muß mein Leben ändern“,

sagen Sie halblaut zu Hans und er hört es natürlich und nickt.

 

Sieben Alte Weisse Männer: Paul

Ein Abwiegler. Nur keine Aufregung. Es ist alles nicht so schlimm. Am meisten haßt er sinnlosen Aktionismus. Jeder Aktionismus ist letztlich sinnlos. Paul will doch nur hier sitzen.

Man könnte, man sollte, man müßte. Am besten gleich. Wenn man aufsteht und Aufbruchshektik verbreitet, und jede Aufbruchstimmung i s t Hektik für Paul, dann zerstört man die Ruhe an seinem Tisch.

Neben meiner Freundin Allegra kam mal ein Selbstmörder runter. Sie lag unter dem Kirschbaum auf der Wiese vor dem Haus und las. Und es war das Geräusch, das er machte, als er auf die Steinplatten prallte, das sie in die Therapie trieb. Stellen Sie sich einen nassen Sack vor, der auf ein Bündel Äste fällt. Sie mußte wochenlang Valium nehmen dagegen. Sie hob also den Kopf vom Buch und schaute nach hinten. Sie schrie und rannte hin. Da lag er in der Sonne. Und war schon tot. Neben ihrem Haus, direkt daran gebaut, war ein zweites und da war er aus dem Flurfenster gesprungen. Sie wohnte mit ihrer Schwester zusammen und deren Freund kam angerannt, zog sie weg und rief die Polizei.

Ich war mit ihr verabredet gewesen und auf dem Weg traf ich in einem Biergarten Paul und seine Freundin. Eigenartigerweise waren alle Frauen in seinem Leben immer dabei, hektische Aufbruchstimmung zu verbreiten, bis er sie und sich mit genug Bier ruhig gestellt hatte. Er trank selten eine andere Form von Alkohol und das Bier stets aus Halbliterkrügen, am liebsten aus Stein. Er goß es nie in sich hinein, wie alles, das er in eigenem Tempo tun durfte, trank er auch sein Bier in ruhigem und gemessenem Tempo und das gerne stundenlang. Seine Lebensplanung hatte schon immer darin bestanden, immer mehr in seinem eigenen Tempo tun zu dürfen. Er wurde selten in emphatischer Weise betrunken, also fast nie euphorisch oder wild. Aggressiv war er nie. Höchstens in der Abwehr von zu vielen bohrenden Fragen. Paul trank nicht, um zu vergessen, er stellte sich selber ja auch nicht zu viele lästigen Fragen. Wie ein zufriedener Buddha saß er in der Sonne und wenn er es hinkriegte, beschäftigten sich die Gespräche mit Reisen, Kochen, Sport, oder Musik. Paul war immer Sänger irgendeiner Rockformation gewesen. Er hatte Musik studiert, nach dutzenden Semestern in den Neunzigern auch einen Abschluß gemacht. Damals  war jahrelanges Studieren, neben dem man genug Zeit für Musikmachen, Biertrinken und Reisen hatte, noch ein staatlich unterstützter Lebensstil. Im Bologna-Hamsterrad hätte Paul keine Woche studiert. Mit einem immensen Gedächtnis für Fakten und Daten, ob es nun die wichtigsten deutschen Nationalmannschaften, oder sämtliche Mitglieder berühmter Rockbands seit ihrer Gründung waren, kam er in Schule und Studium trotz seines Unwillens, sich zwanghaft nur einer Sache zu widmen, immer gut zurecht. Eine an Loriot geschulte Hochsprache, bei der Karikatur und sprachliche bewußte Überhöhung ständig ineinander flossen, ließ ihn belesen wirken. Wobei er freiwillig nur Kochbücher, Reiseberichte und Musikmagazine las, ab und zu auch den Kicker. Romane höchstens, wenn er im Biergarten mal allein saß und sie im heiteren Plauderton daherkamen. Paul war das Gegenteil eines verquälten Dostojewski. Seit nunmehr 52 Jahren in unserer schwäbischen Kurstadt und von angenehm ruhiger, verbindlicher und offener Art, blieb er selten allein an seinem Tisch. Im Prinzip sah er aus wie Thomas Gottschalk und wie er überhaupt großen Wert auf seine Optik legte, ohne sich sichtbar zu stylen, so waren seine schulterlangen blonden Locken sein ganzer Stolz und wurden systematisch gehegt. Paul mit kurzen Haaren war so wenig vorstellbar wie Helmut Markwort als großer Schlanker. Jeder, absolut jeder war an seinem Tisch willkommen, wenn er keine Hektik verbreitete und sich den Geprächstabus unterwarf. Diese waren: Krankheit, Politik, emotional aufgeladene Konflikte, Beziehungsgespräche und das Bohren in alten Wunden. Die Vergangenheit war willkommen, wenn sie im besonnten Schein der Verklärung auftauchte, als eine Zeit, wo es ebenso heiter und friedvoll zugegangen war wie jetzt hier in diesem Biergarten.

Dabei war er sehr reisefreudig. In den Achtzigern hatte er mit einem umgebauten Opel-Blitz tausende Kilometer im nördlichen Afrika zurückgelegt und es gab nie größeren Ärger. Wer das rote Auto mitten in der Sahara sah und den ruhigen Blonden, der daraus ausstieg, als sei er nur mal eben zum Bäcker um die Ecke gefahren, der begriff, daß es eine innere Ruhe gab, die zu stören schwer und sinnlos war. Und störte sie nicht. Paul kannte auch keine europäische Herablassung. Er konnte sich stets auch vorstellen, der andere zu sein. Und so saß er auch mit ihm einfach zusammen. Ob mitten in der Sahara oder im schwäbischen Biergarten, wo sollte da der Unterschied sein.

Ich hatte mich also auf meinem Spaziergang zu Allegra auf ein Bier zu Paul und seiner Freundin gesetzt. Pauls Vorschlag war sofort gewesen, Allegra solle die paar hundert Meter hierher doch zu uns laufen. Denn sich hinsetzen mit der festen Absicht, nach dem nächsten Bier wieder zu verschwinden, das verstieß gegen Pauls Regeln. Wer da war, der blieb. Man mußte nirgends wirklich hin. Das bildete man sich meistens nur ein.

Allegras Tochter rief an. Es sei etwas passiert. Mum gehe es nicht gut. Sie war mit der Geschichte noch nicht fertig, da hatte ich mit der telefonfreien Hand schon die Kellnerin herangewinkt, gezahlt und war im Aufbruch. Paul ließ aber auch diese Entschuldigung für ein hektisches Wegrennen nun keineswegs gelten.

„Der Typ ist tot, ihr habt ihn beide nicht gekannt und bei ihr sind ihre Tochter und der Freund ihrer Schwester und auch noch so ein Kriseninterventionsteam, das jetzt noch mal alles schön professionell aufrühren wird, damit sie nicht etwa zur Ruhe kommt. Und du willst da jetzt auch noch hinrennen und die Blutflecken betrachten und Allegra möglichst viel in den Arm nehmen? Bleib einfach hier.“

Er kannte Allegra nur flüchtig, aber die entschlossene Hektik meines Aufbruchs ließ ihn zu Recht vermuten, daß ich in meinem Hineilen auch eine Gelegenheit sah, ihr etwas zu beweisen. Wie sehr ich da sein konnte. Wie sehr sie mich brauchte. Paul hatte zwar immer langjährige Freundinnen, aber e r mußte sich um die Aufmerksamkeit von Frauen generell nicht so sehr bemühen wie ich: Gottschalklocken, eine Stimme, die mühelos die Kraft und Reinheit von Freddie Mercury erreichte und diese freundliche Ruhe, in der sie sich geborgen fühlen m u s s t e n. Und da er die Gepräche an seinem Tisch, denn wo er saß, da war immer s e i n Tisch, so zu lenken trachtete, daß das Häßliche, Hektische und Kofliktträchtige draußen blieb, waren Frauen gerne in seinem Zengarten. Er betrachtete sie ruhig und anerkennend, er betrachtete die Kiesel unter dem Tisch, er rückte seinen Stuhl gemächlich der wandernden Sonne nach und es war deren Tempo, das alles hier zu leiten hatte.

Ich fand sein Abwiegeln in diesem Fall inhuman. Wie immer, wenn man seinen Biergartenfrieden mit dem Einbruch der äußeren Welt zu brutal störte und er schon begriffen hatte, daß sich der Schwarze Schwan nicht so leicht wieder einfangen ließ, reagierte er mit gespieltem Zynismus auf die Gesamtstörung des Allgemeinen Plans. Der Typ w a r schon tot und ich w o l l t e die Gelegenheit nutzen, um Allegra etwas näher zu sein. Dieser vorgebliche Zynismus galt aber niemals Pauls Gegenüber als Menschen, sondern immer nur dessen sinnlosem hektischen Rummachen. Und wenn der Biergarten nicht brannte, oder Allegra nicht gerade selber drohte, aus dem Fenster zu springen, dann gab es keinen einzigen Grund, da jetzt hinzurennen. Daß er damit sogar recht hatte und meinen angeblichen Edelmut sofort durchschaute, ärgerte mich mehr als sein Sarkasmus. Hätte ich eine Allegra am Telefon gehabt, die gerade selber zu springen drohte, es wäre eine lebensrettende Sofortmaßnahme gewesen, Paul das Telefon zu übergeben. Der hektischste und in seinen Augen sinnloseste Aufbruch aus dem irdischen Biergarten war ja wohl die Selbsttötung. Er hätte Allegra freundlich gefragt, was sie für ein Scheiss mache und da er imstande war, gleichzeitig Anteilnahme und Gelassenheit auszustrahlen, wäre sie nicht gesprungen. Niemand wäre das. Er hätte sicher auch nichts anderes gesagt, als alle sagen, die Suizidanten von Brüstungen runterlocken. Aber wem, wenn nicht ihm, war die gelassene Lebensfreude so sehr anzumerken, daß sich selbst ein entschlossener Selbstmörder schämen würde, es damit nicht auch mal zu probieren? Und hätte er sie am Telefon nicht davon zu überzeugen vermocht, Paul wäre sofort in rasendem Tempo zu ihr gefahren und hätte sie live zurück ins Leben geredet und fünf Minuten später hätten alle zusammen ein Bier getrunken und über den Unsinn gelacht. Aktionismus, w e n n es brannte, das war ja keiner und weil Paul eben nie Hektik machte, war sein Tempo dann, wenn es auf ein solches ankam, genau das richtige, weil er keine Zeit mit sinnlosem Rummachen verschwendete und wesentlich schneller dachte als er sich bewegte. Aber er verabscheute jede Alarm ü b u n g. Alles, was Sie zum Beispiel bei der Bundeswehr tun müssen, jegliches Tun als o b, verachtete er zutiefst, Krisen waren dann zu bewältigen, wenn sie da waren und mußten nicht noch herbeigeredet werden. Man übte nicht für die Katastrophe, indem man sich selber vorsorglich in den Modus der geplanten Aufregung versetzte.

Da nach dem Studium ihm die Möglichkeiten einer akademischen Karriere oder einer Laufbahn zum Beispiel im SWR schon deshalb wenig verlockend erschienen waren, weil er das Ausfahren von Ellbogen oder das Planen einer regelrechten Berufslaufbahn ebenso als vorauseilende Hektik ansah, beschloss er beim Singen zu bleiben. Heute singt er in drei Bands und kann einigermaßen davon leben. Eine davon covert die Musik von Deep Purple, wobei es bei geschlossenen Augen unmöglich ist, Paul von Ian Gillan zu unterscheiden. Die hatten es selber so gut gemacht, daß er es als Anmaßung und als sinnlosen Aktionismus empfunden hätte, an ihrer Musik etwas rumzuinterpretieren. Höchstens kleine Abweichungen, die nur den Hardcorefans auffallen konnten, gestattete er sich als Tribut und um seine Durchdringung des Originals zu zeigen. Nicht zu beweisen. Paul bewies nie etwas. Das war ihm zu viel Absicht. Er zeigte, was da war. E r war da. Wahrscheinlich habe ich nie einen Menschen gekannt, der so im Moment leben konnte. Die Kehrseite davon war, daß das ab ca 15 Uhr nicht mehr ohne Alkohol gehen sollte. Ihm nahm ich aber vollkommen ab, daß er auch ohne gekonnt hätte, aber schlicht nicht wollte. Als er nach einem Okotberfestbesuch im Auto übernachtet hatte und dann heimgefahren war, besaß er noch  genügend Restalkohol, daß ihn die Bullen in die MPU schicken konnten. Also durfte er ein paar Monate keinen Alkohol zu sich nehmen. Es war nicht zu merken. Er saß genauso gelassen vor seinen Halbliterkrügen mit alkoholfreiem Bier. Nichts an ihm zitterte, keine Unausgeglichenheit, keine Gier nach dem nächsten Rausch waren ihm anzumerken. Und als er wieder richtiges Bier trinken durfte, tat er das mit derselben Grundhaltung wie immer. Nicht als ob er monatelang darauf hingefiebert hätte. Er hörte also tatsächlich nicht auf, weil er es nicht wollte. Natürlich konnten Sie ihm letztlich nicht anmerken, wie es ihm wirklich ging, als er Bierersatz trinken mußte. Paul hatte es zur Kunst erhoben, sich nichts anmerken zu lassen. War etwas geschehen, daß ihn berührte oder verärgerte, platzte er selber nie damit heraus. Wer ihn lange kannte, konnte merken, daß er etwas weniger freundlich, etwas kürzer angebunden, etwas weniger ruhig schien. Aber die Abweichung war so gering, daß Sie ihn danach fragen mußten, um sicher zu gehen. War man unter vier Augen, schätzte er die Nachfrage durchaus. Wenn man ihn einfach erzählen ließ, was vorgefallen war und dann nicht weiter nachbohrte. Wenn man ihm keine Ratschläge anbot, nach denen er nicht gefragt hatte und begreifen wollte, daß er auch seine eigene Unruhe mit Ruhe heilte und ungebetene Interventionen von Wohlmeinenden diese Heilung nur verzögerten. Er sagte, was Sache war, man redete kurz drüber und dann stieß man die Steinkrüge gegeneinander. Er sagte abschließend, daß er die Nachfrage zu schätzen gewußt habe, aber es kein Grund zur Sorge gebe. Ich hätte ihn nie an meinem Krankenbett gewollt. Wenn es wirklich ans Sterben ging zumindestens, und ich das schon ahnte. Denn er hätte meine Gewißheit mit freundlichen Scherzen als Hysterie abgetan. Für Leute, die starben, ohne daß sie es wußten, oder die es nicht wahrhaben wollten, war er aber ein Segen. Selbst wenn sie vor und nach seinem Besuch glaubten, daß es zu Ende ging. Während er da war, schien ihnen das aber völlig unvorstellbar. Diese friedvolle Atmosphäre, die er auch in ein Krankenzimmer brachte, konnte doch nicht enden. Wer mit Paul zusammensaß, der glaubte an das ewige Leben. Und natürlich schmuggelte er auch Bier ins Krankenhaus ein. Die Krankheit, gegen die das nicht wenigstens ein wenig half, die konnte er sich nicht vorstellen.

-Glaubte er an Gott?

Er lehnte die Idee nicht ab. Hatte er denn nicht viel von Seinem Frieden mitbekommen?

-Liebte er seine Mitmenschen, auch wenn er sie durchschaute?

Unbedingt. So sehr, daß er Canettis Warnung völlig internalisiert hatte, daß es viel zu einfach sei, die Menschen zu durchschauen und völlig sinnlos. Es führte zu nichts.

-Saßen Monster unter seinem Bett?

Wahrscheinlich schon. Sein Vater war gestorben als Paul 16 war. Was das genau in ihm auslöste, welche Verlassenheiten er empfand, darüber hat er nie etwas erzählt. Über die letzten Wochen des Vaters schon. Und man hatte den Eindruck, daß er auch damals schon, in seiner ruhigen Beharrung auf dem Jetzt, seinem Vater gutes Geleit gegeben hatte.

-Wollte er andere wirklich kennen?

Er kannte sie ja. Er zwang ihnen seine Urteile aber nicht auf. Er ermunterte sie, nicht ständig auf ihre eigenen Unzulänglichkeiten zu starren. Er nahm an, daß sich das, was man mehr vergaß als wirklich verdrängte, dann meistens einfach auflöste.

-Was denkt Paul um vier Uhr morgens?

Paul denkt, daß es nicht gut ist, um vier Uhr morgens zu viel in der Gegend herumzudenken.

-Gibt es einen Weg, so weise zu werden wie er?

Denken Sie nicht darüber nach. Nicht um vier Uhr morgens und nicht im Biergarten, wenn es langsam Frühling wird. Kann sein, das funktioniert auch bei Ihnen. Zumindens manchmal.

Sieben Alte Weisse Männer: Christian

Er ekelte sich gern. Er ekelte sich immer demonstrativ. Wahrscheinlich ekelte er sich vor mir am meisten. Ich mußte nur von seinem Tellerchen oder aus seinem Beutelchen nehmen. Ich hatte einen unbeherrschten Körper, fand Christian, der nicht mir gehörte. Damals hatte er recht. Aber was wußte er vom Körper des Depressiven?

Ein schwarzer Tabaklederbeutel, den man mit zwei Bändern schloss. Ich kannte sonst niemanden, der sich ekelte, wenn man in seinen Tabakbeutel fasste. Und auch beim Essen, wenn meine Gabel noch völlig unbenutzt war, wehe ich pickte eine einzige Nudel von seinem Teller: Er schob mir alles rüber. Sowas durfte eigentlich niemand, außer vielleicht die Heilige Agnes. Bei ihr hätte er jedenfalls nie etwas gesagt und es war nicht vorstellbar, daß er sich vor der Heiligen Agnes hätte ekeln können. Dazu war sie zu verklärt. Wobei er sie aber verehrte, weil sie so down to earth war. Agnes wuchs in einem Landdörfchen in der Nähe auf und sprach strenge Worte mit dem Vieh. Sie wies die Hühner zurecht und rügte die Kuh, wenn sie zu ungeduldig muhte. Agnes war unerträglich schwedisch blond und ihre helle Lache verspottete die Kopfmenschen, die noch nie zwei Pferde auf der Weide hatten ficken sehen. Sie war immer auf der Seite von Mutter Erde und ihre einzige politische Erklärung während der gesamten Schulzeit hatte darin bestanden, daß der Mensch sowieso eine Fehlentwicklung der Natur sei und der Planet ohne ihn besser dran.

Ausgerechnet sie war dann zwei Jahre mit Jost

(Sieben Alte Weiße Männer: Jost)

zusammen, dem unpolitischen Konservativen. Wie sie das wohl hinkriegten, 1982 nicht über Kohls Geistig-Moralische Wende zu sprechen? Christian hat das bis heute nicht verwunden, daß Jost und sie ein Paar waren. Er verklärte sie noch heute, aber er hat sie nie gehabt. Sie treffen sich regelmäßig und sie erklärt ihm, wie einfach manche Probleme zu lösen sind, wenn man sie nicht zu kompliziert macht. Während sie ihm das sagt, glaubt er das alles, hinterher würde er gerne ihre Lösungen anwenden und daß das Hauruckvereinfachen bei ihm selten klappen will, das liegt natürlich nie an Agnes. Agnes ist reich verheiratet und ihr heutiger Mann hat ihr einen kleinen Bauernhof zur Hochzeit geschenkt, aber natürlich nicht als Zweitwohnsitz, sie müssen da alle leben. Christian wuchs auch einigermaßen ländlich auf. Im letzten Haus vor der Wiese am Wald. Und wenigstens Hühner waren in einem Verschlag und Christian stolz drauf, daß er sie eigenhändig schlachtete. Er ließ mich nie zusehen, ich hatte zu empfindsam dafür zu sein, aber er erklärte mir, wie man das Huhn sanft an den Füssen nahm und es freundlich zum letzten Mal anredete.  Dann hob es fragend den Kopf und sagte seine letzte Silbe und sein Hals war direkt über dem Holzblock. Und Christian senkte das Huhn darauf herab und richtete es hin. Agnes mißbilligte das, weil er es nicht professionell gelernt, sondern sich selber beigebracht habe und sicher seien die ersten Hühner nicht mit dem ersten Schlag gestorben. Seien sie wohl, er hacke schließlich auch mehrere Festmeter Holz pro Jahr mit derselben Axt. Das Holz ließ er mich auch hacken und achtete sorgfältig darauf, daß ich den Trick nicht zu schnell raushatte, damit ich mich eine Weile dämlich anstellte. Sodaß er sich ausführlich Sorgen machen konnte, ich würde mir in den Fuß hacken. Obwohl er mir extra sogar Armeestiefel seines Vaters verpaßt hatte. Luxemburg scheint auch eine Armee zu haben, wofür auch immer. Immerhin über 1000 Mann. Christian war kein Deutscher, er hatte unseren Paß dazu kriegen können, da seine Mutter von hier war, aber er behielt seine Kleinstaatenidentität stolz bei. Um sich immer wieder beklagen zu können, wie falsch die Deutschen dieses Land sahen.  Schon den Hinweis, daß sie es gar nicht sahen, weil es zu klein dafür war, fand er beleidigend. Wobei ihn keineswegs Luxemburg als EU-Sitz interessierte, es ging um das urtümlich-ländlich-traditionelle Ganze und daß man einen Fürst hatte, der seinen Namen in mehrere Sprachen übersetzen mußte. Wie wie viele war mir nie ganz klar, ich ging von Französisch, Deutsch und diesem Letzebuergesch aus. Wenn man wirklich Ärger kriegen wollte mit Christian mußte man nur anmerken, Letzebuergesch erinnere einen an eine Mischung aus Elsässisch und Pfälzisch garniert mit einen affigen französischen Akzent. Manche Sachen hätte ich bei ihm viel diplomatischer handhaben müssen, als ich es konnte und wollte. Man aß nicht von seinem Teller, man faßte nicht in seinen Tabaksbeutel, man verklärte die heilige Agnes wenigstens ein bißchen und man nahm Luxemburg ernster als man es konnte.

Im Prinzip war er noch stolzer darauf, Luxemburger zu sein, als er es wahrscheinlich gewesen wäre, aus der Schweiz zu kommen. Die ganze Welt vertraute seinem Land ihr Schwarzgeld an. Etwas grundsätzlich Seriöses mußte also am Luxemburger sein, daß ihm selbst Diktatoren und Mafiosi der ganzen Welt vertrauten. Daß die Offenlegung und Unterbindung der schlimmsten Steuerhinterziehungspraktiken dieser bewaldeten Miniweltsparkasse noch wesentlich länger gedauert hatten als bei den Schweizern und daß Luxemburg in Person des ewigen Jean-Claude Juncker die EU zwar dominierte, aber sich einen Dreck um ihre Finanzgesetzgebung scherte, erfüllte ihn mit absurdem Stolz. Der Luxenburger habe die Lektion des kleinen Landes von allen Pseudostaaten am besten gelernt: Mache dir die Streitigkeiten und Egoismen anderen zunutze, indem du ihnen mit Charme und mit gehörigem logistischem Raffinement einen sicheren Hafen zur Verfügung stellst.

Die Große Luxemburgerische Verbindlichkeit, die freundlich-gerissene Diplomatie der Bescheidenen, das sah auch Christian als seinen Stil an. Er wurde nie laut, er ging verbalen Konfrontationen aus dem Weg, er ließ sich nirgends einreihen, aber er wehrte auch keine Gemeinschaft ab mit anderen. Er lächelte Konflikte, die er kommen sah, vorausschauend fort und wenn es in seiner Umgebung doch mal laut wurde, dann hob er gerne beide Hände und ließ uns merken, wie überflüssig das alles sei.

„Muß das jetzt wirklich sein, hm?“

Und wir schämten uns sofort. Frauen waren meist hingerissen von seinem zurückhaltenden Charme, beim Hühnerschlachten ließ er sie ja nie zusehen und wenn er Wut loswerden mußte, dann fuhr er wie ein Terrorist Rennrad.

Sein Elternhaus lag auf einer Anhöhe und der Weg in die Stadt verlief in Serpentinen. Dann kam eine baumbestandene Wiese, auf der links die Hunde kacken und rechts die Kinder spielen durften, in der Mitte verlief ein Weg. Bis Christian zu diesem Weg kam, also auf dem ersten Kilometer, lehnte er es ab zu bremsen. Also mußte er in wilden Manövern um alles herumkurven, was ihn dazu gezwungen hätte und auf dem schmalen Serpentinenweg oft gefährlich nahe an der Böschung entlang rasen. Auf dem Rad verlor er jede Verbindlichkeit, jegliche Sanftheit fiel von ihm ab und er wußte von keiner zurückhaltenden Vorsicht mehr. Ich vermute, daß er wirklich glaubte, niemand erkenne ihn. Obwohl er natürlich keinen Helm trug. Im Rasen imaginierte er wohl einen schützenden Raum um sich herum  und hüllte sich ganz in Herzklopfen und jähe Wut. Die eben auch mal rausmußte.  So daß er sich nicht vorstellen konnte, jemand sehe dabei mehr von ihm als einen wilden bunten Schatten.

Manövrierten wütende Autofahrer ihn weit genug an den Rand, daß er doch anhalten mußte, verwandelte sich der einsam-rasende apokalyptische Reiter sofort wieder in den charmant-verbindlichen Christian. Der ihnen, bevor sie auch nur zu eine Predigt ansetzen konnten, entschuldigend erklärte, daß er erst auf dem Weg vom Haus runter gemerkt hatte, daß beide Bremsen kaputt seien und er also eben ums Überleben gekämpft habe. Daß er aber direkt neben ihnen gerade eine Vollbremsung gemacht hatte, merkten sie erst, als er längst betont langsam weiter gefahren war. Die ihn kannten, nahmen ihm sowieso alles ab, da sie ihn nicht mit dem Amokfahrer von eben unter einen Hut bringen konnten und an eine optische Täuschung glaubten: Da das eindeutig der stets freundliche Christian war, mußten sie sich den wüsten bunten Schemen, der an ihnen vorbeigerast war, einfach eingebildet haben. Er war das sicher nicht gewesen. Denen, die ihn nicht kannten, ging es nicht viel anders: Der Junge auf dem Rad m u ß t e ein Bremsproblem gehabt haben, sondern hätte er sich nicht so überzeugend entschuldigt. Christian entschuldigte sich stets wie jemand, der auf dem Empfang des Bundespräsidenten dessen Gattin auf das Kleid gelatscht war: Niemand sah Anlaß, das für Absicht zu halten und alle lächelten aus vollem Herzen jede Peinlichkeit weg.

Schafften es die Autofahrer allerdings nicht, ihn durch Abdrängen zum Anhalten zu bringen und fuhren sie dabei etwa ein Cabrio, so konnte es durchaus passieren, daß er sich elegant so weit an s i e heranmanövrierte, daß er ihnen den Mittelfinger durchs offene Verdeck strecken konnte. Worauf er einen jähen Spurwechsel vornahm und damit auch ihnen klarmachte, daß im Prinzip nur ein irrer Radfahrer einen irren Radfahrer stoppen kann.

Das andere Ventil war der Stockkampf. Sein einziger Gegner war ich. Im tiefen Wald, begleitet vom stets völlig fassungslosen Berner Sennehund Claude.

Sie hatten, da die Pseudobernhardiner nicht so alt werden, im Laufe der Jahre mehrere davon gehabt, die alle völlig gleich aussahen, jedenfalls für mich.  Und die unsentimental alle Claude genannt wurden. Nicht etwa Claude 1 und Claude 2, alle einfach wieder Claude. Ich wußte nicht mal exakt, wieviele es davon insgesamt gegeben hatte. Hätte mir zum Beispiel einmal sein Vater nicht gesagt, daß der vorige Claude in den Sommerferien gestorben sei, ich hätte es nicht bemerkt. Darauf angesprochen, meinte Christian, er habe überflüssige Trauerbekundungen vermeiden wollen. Wenn ich den toten Claude nicht vom neuen Claude unterscheiden könne, wie echt könne dann bitte meine Trauer sein. Dann sei der aktuelle Claude ja einfach nur ein weiterer Berner Sennehund für mich. Wie der alte und alle kommenden. Schwer zu widerlegen.

Claude wußte nicht, ob wir ernst machten mit den Stöcken. Wir wußten es oft selber nicht. Also sprang er unentschlossen und hysterisch bellend zwischen uns herum, um das Schlimmste zu verhindern. Was er vielleicht auch tat, denn beide hatten wir immer genug Wut in uns aufgestaut, daß wir in den Augen des Gegners ab und zu ein blutunterlaufenes und irre funkelndes Weiß erblicken konnten. Aus einer japanischen Kriegermaske hervorbrechend. Der Kern unserer Freundschaft bestand darin, daß uns das nicht peinlich war. Und Christian war geschickt genug, mir nie auf die Hand zu schlagen, mir passierte es umgekehrt natürlich öfter, aber er ließ nie zu, daß es mir wirklich leidtat. Er war so viel stärker und geschickter als ich. Ich konnte keine Hühner schlachten, richtig Holz hacken, noch gar mich auf einem Rennrad austoben, ohne dabei zu sterben. Da durfte ich ihm schon mal einen Stock auf die Hand hauen.

Christians Vater war Kunstprofessor in München. Er nagelte meistens bemaltes Sperrholz zusammen, oder formte Nanas aus fleischfarbenem Stryropor. Alle seine Werke hätten durch die ungeschickte Handbewegung eines Fünfjährigen schwer beschädigt werden können, aber er weigerte sich hartnäckig, sie so hoch hängen zu lassen, daß keiner drankam. Das erinnerte mich an seinen Sohn: Jeder hätte, so charmant und verbindlich wie er sich benahm, ihn mit einem kurzen Wort beschädigen können, doch kaum einer tat es. Eben w e i l es so leicht gewesen wäre.

Die Heilige Agnes sprach später für einige Jahre bewußt den Breitmaulfroschdialekt ihres Kuhkaffs, eine üble Mischung aus Alemannisch, Schwäbisch und schlichtem Blöken. Dagegen war Letzebuergesch elegant. Auf einem Klassentreffen erlaubte ich mir, mich zu wundern.  Sie habe doch früher sogar betont Hochdeutsch gesprochen habe und zelebriere nun auf einmal das völlige Gegenteil davon? Könne sie sich denn Greta Garbo vorstellen, wie sie Elsässisch sprach? Da lachte sie ertappt und murmelte etwas davon, daß sie eben kaum aus ihrem Dorf herauskomme und da halt alle so sprächen. Als ich zu einer kleinen Erwägung darüber ansetzen wollte, daß das bewußte Vorzeigen von erworbenen Wurzeln diese eben zu Luftwurzeln degradiere und das wohl auch so zu fomulieren begann, fing ich einen Blick von Christian auf. Man trete der Frau des Bundespräsidenten nicht absichtlich auf den Fuß und erläuterte ihr danach nicht auch noch theoretisch, warum das eine angemessene Form allgemeiner Gesellschaftskritik gewesen sei, sagte dieser Blick. Man führe die Heilige Agnes generell nicht vor. Nicht mal ein intellektueller Amokradler wie ich, dürfe das wagen, mahnte der Blick und forderte mich zur sofortigen Vollbremsung auf. Die Heilige Agnes habe wirkliche Wurzeln und könne selbst mit den Kühen so reden, daß die die Dinge nicht mehr so kompliziert sähen. Und s i e habe auch immer alle Claudes voneinander unterscheiden können. Luciano aber habe vor allem Theorien. Ich hob grüßend die Hand Richtung Christian und fragte Agnes unterwürfig wie man diesen Dialekt denn genau nenne. Und ob er nur in ihrem Dorf gesprochen werde.

Christian ging dann später auf die Kunstakademie, in der sein Vater lehrte. Er ist heute berühmter als er. Seine Bilder sind bevölkert von traurigen, immer leicht asiatisch wirkenden zarten Frauen mit großen Augen. Schreck und Trauer liegt in diesen Augen, Melancholie und die müde Frage, warum sie hier seien. Auf diesem Bild, in diesem Leben. Die Landschaft drumherum: Abweisend dunkler Wald und schmerzend helle Wiesen. Und manchmal äugt ein Fabelwesen herein. Christian ist sich ein Rätsel geblieben.

 

 

 

 

Sieben Alte Weiße Männer: Franz

Er wuchs in einem Hotel auf. Da stieg oft Marcel Reich-Ranicki ab. Ein Freund seiner Eltern. Franz war so ruppig wie Ranicki.

„Nein!“ Begleitet von einem Grinsen, das sagte:

„Wenn du das jetzt geduldig hinnimmst, das sage ich nachher vielleicht doch ja.“

Sein „Nein!“ war ihm immer wichtig. Und immer mit einem Ausrufezeichen. In einem Hotel sagen die meisten zu oft ja. Das ist ihr Job. Selbstverständlich, Herr Reich-Ranicki, gerne.

„Können Sie Ihrer Schwester sagen, daß sie mir nicht solche Briefe schreiben soll, Franz? Sie liest zu viele Bücher und ärgert sich viel zu sehr über meine Urteile.“

„Sagen Sie es ihr bitte selber!“

„Sie sind da doch diplomatischer.“

Jetzt kam die Franz-Lache. Ein Reich-Ranicki, der ihm sagte, daß er diplomatischer sei als er, das mußte sie auslösen. Niemand fand ihn sonst besonders diplomatisch. Im Hotel, wo er natürlich schon als Kind mitarbeiten mußte, waren sie anfangs schon zufrieden, wenn er mit nicht allzu grimmigem Gesichtsausdruck einen Botengang erledigte oder dem Klempner das verstopfte Klo zeigte. Später leitete Franz das Hotel für einige Jahre. Manche seiner Gäste hatten das deutliche Gefühl, daß sie sich keine größeren Fehler erlauben durften. Zum Beispiel zu oft das Klo verstopfen und noch behaupten, das läge nicht an ihnen.

Der Gast hatte auch bei Franz Rechte. Er bekam, was er in einem Hotel erwarten konnte und durfte erfüllbare Sonderwünsche äußern. Dann wurde ihm gesagt, ob die angemessen waren und erfüllt werden würden. Nicht, ob sie erfüllt werden k o n n t e n. Darum ging es nicht. Er sollte sich wohlfühlen, aber nicht den Hotelfrieden stören. Und nicht Franz wegen Zeug anhauen, daß er, der Gast nicht wirklich brauchte und das also den Aufwand nicht lohnte. Und er hatte die Pflicht, sich nicht unverschämt aufzuführen. Ranicki durfte schon Ranicki sein und war es natürlich auch den ganzen Tag. Aber er war ein Freund seiner Eltern. Bei ihm waren sie immer diplomatisch. Franz oft auch.

Franz´ Vater war berühmt für seine Szenen. Er überrollte so unvermittelt andere mit seinen Ideen und Gefühlen, daß selbst Franz oft das Gefühl hat, sein Vater sei eine Art Tsunami. Ich bei Franz übrigens auch. Ein Tsunami des Willens.

Neben dem „TennisHotel“ war das Privathaus der Familie. Im Souterrain, mit eigenem Eingang, wohnten Franz und seine Schwester Cordelia. Der Flur vor den Zimmern war düster und strahlte eine bedrohliche Anonymität aus. Ich hatte in diesem Gang oft das Gefühl, in einem Motel zu sein. Die Zimmer gingen auf den Park des Hotels und wenn wir nachts gesoffen hatten, wankten wir zum Pool. Etwas weiter oben, an der Rückseite des Hotels, war zwei alte Garagen. Da schraubte Franz an seinen Triumphs herum, meistens TR5er.

„Englische Technik. Sinnlos kompliziert und anfällig wie ein Tuberkolosekranker. Kannste dir nicht ausdenken. Zwei Zustände, kritisch oder kaputt.“

Morgens frühstückten wir meistens in der Küche oben. Die Eltern und seine Schwester Cordelia standen sonntags sehr spät auf. Franz und ich schafften es meistens bis neun und hofften dann, noch eine Weile allein zu bleiben. Ich übernachtete in Franz´Zimmer auf dem Sofa und wenn ich gegen sieben ein wenig wach wurde und mich bewegte, hörte er es immer:

„Luciano?! Du kannst ja nicht einfach mal nur schlafen?“

„Morgen, Franz. Du ja auch nicht.“

„Wenn du so rumrutscht. Ist doch keiner da, auf den du draufrutschen könntest. Das ist wohl das Problem?“

Sofort kam die meckernde Franz-Lache. Stellen Sie sich eine Ziege vor, die wie ein Schaf lacht. Also ein helles Meckern, das in ein selbstzufriedenes dunkles Blöcken übergeht. Und oft abgeschlossen mit seinem berühmt gewordenen „Hihi!“, das immer auch eine Selbstkarikatur war. So lachen reiche alte Männer mit riesiger Zigarre in Zeichentrickfilmen. Franz war ein Lachtsunami.

„Geh duschen. Setz nicht alles unter Wasser. Ich geh in den Pool. Du nicht.“

Ich kann nicht gut schwimmen. Und wahrscheinlich hatte Franz gestern im Suff die Idee gehabt, er könne und werde es mir beibringen. Er hatte das können und werden an englischen Autos jahrelang geübt. Sie würden sich bitte nun nach den physikalischen Gesetzen richten. Das hätten sie jetzt mal zu können. Ich hatte aber gestern Nacht wohl nicht viel dazugelernt und die vage Erinnerung, wie er mich rausziehen und darauf hinweisen mußte, daß es keine gute Idee sei, schwimmen zu gehen, wenn man vor lauter Alkohol nicht mehr wisse, wo oben und unten sei. Daß es seine Idee gewesen war, spielte keine Rolle. Und Franz war ein Lebensretter, trotz seiner rotzigen Art ein Kümmerer. Er motzte Sie an und erklärte Ihnen, daß Sie ein „Idiot!“ seien, aber er zog Sie mit grimmiger Entschlossenheit aus jeder Scheisse. Berühmt war sein Gesichtsausdruck, mit dem er auf eine Gefahr, auch eine menschliche zuging. Die Lippen verriegelt, die Breschnew-Augenbrauen fest zusammengezogen, was dazu führte, das sie sich sträubten und die ewige Tolle über dem Scheitel drohend immer mehr nach vorne wippend. Er starrte den Gegner an. Der Gegner wußte nie, was Sache war. Franz wurde nie von sich aus gewalttätig. Das hatte er nicht nötig. Er schüchterte Leute ein. Vor allem dadurch, daß sie nicht wußten, wodurch er sie eigentlich so einschüchterte. Sie schoben es hinterher immer auf die Augenbrauen und daß sie nicht gewußt hatten, wie er drauf sei. Sie wurden vorsichtig. Das reichte. Wir a l l e waren eigentlich i m m e r vorsichtig mit Franz. Sie wußten nie, was kam. Wie Donald Trump war er. Der kommt auch, leicht vorgebeugt, mit einem grimmig-konzentrierten Gesichtsausdruck rein, seine Frisur ist auch oft auf Angriff geschaltet und er schaut Sie an und sagt erst mal nix. Und Sie haben keine Ahnung, was jetzt kommt. Kann sein, er setzt für eine Sekunde sein Blitzlächeln auf, von dem Sie sehen s o l l e n wie es die Augen nicht erreicht und daß es auch nie als herzliches Lächeln geplant war. Kann sein, er sagt erst mal nichts. Und schaut Sie an und sagt dann ganz leise etwas. Zwingt Sie, ganz genau hinzuhören. Schon sind Sie eingeschüchtert. Was kommt jetzt?

Ganz leise reden, nachdem er etwas zu knapp vor dem Gegner gestoppt hatte, war auch Franz´Masche. Leise, höflich in einer Weise, daß Sie  spüren, er kann die Höflichkeit sofort durch eine unvermittelte Vollbremsung stoppen. Was auch immer geschah. Sie wußten nur nicht, wann.

Franz kam vom Pool und ich hatte das Badezimmer gewischt. Es waren zwar nur drei Tropfen auf dem Boden, aber wenn er gesagt hatte, ich solle nicht alles unter Wasser setzen, dann meinte er, daß der Boden trocken zu sein habe. Alles andere wäre Respektlosigkeit gewesen. Auch damit schüchterte er Leute ein. Sie wußten nie, wann er beschlossen hatte, sie hätten soeben die rote Linie überschritten. Und es war seine Wohnung. Aber er hatte anscheinend gute Laune. Und es war nie langweilig im TennisHotel oder mit Franz. Ein entspannt-spannender Sonntag war stets garantiert. Also wollte ich nicht nach dem Frühstück rausfliegen.

Er motzte nur kurz, weil ich das Badezimmer nicht gelüftet hatte.

„Ich wollte nicht, daß du es kalt hast.“

„Luciano, ich komme gerade aus dem Pool und es ist April. Ich werde jetzt heiß duschen. Nach welchem physikalischem Gesetz könnte ich mich dabei kalt fühlen?“

„Nach welchem physikalischen Gesetzen läuft dein TR5?“

Ziege, Schaf, Hihi! Alle Anspielungen auf seinen aktuellen Triumph entspannten ihn sofort. Englische Autos standen stellvertretend für die Tücke des Objekts. Die mit List, kurz abwartendem Überlegen und dann entschlossenem Zupacken überwunden werden konnten. Überwunden wurden. Überwunden zu werden hatten. Sein Problem war, daß er diese Methode auch bei Menschen zu oft anwandte. Bei Frauen konnte das dazu führen, daß sie anfangs von seinem zupackenden Charme und dem SchafZiegenHihi! völlig weg waren und dann merkten, daß er nicht nur einen Plan hatte, sondern schon dabei war, ihn durchzuführen. Wobei er bei Frauen das entschlossene Zupacken aber niemals anwandte, Franz war immer ein Gentleman. Sie wußten das nur nicht immer sofort und also nicht, was kommen würde. Merkte er das, wandte er sich enttäuscht, mit einem sichtbaren Achselzucken ab und sagte in offiziellem Tonfall:

„Ich hätte dir mehr Menschenkenntnis zugetraut? Denkst du, ich will heute alles klarmachen? Aber du mußt auch mal wissen, was du eigentlich willst.“

Es hatte die klare Linie zu geben. Ansagen hatten knapp auszufallen, ewig rumgemacht hatte nicht zu werden und Ankündigungen hatten Taten zu folgen. Er wollte wissen, was Sache war. Er selber sagte es immer.

Jetzt sagte er:

„Frühstück!“

Das war keine Einladung, das war ein Befehl, dessen unmittelbare Durchführung so zu erfolgen hatte, daß ich mich einigermaßen präsentabel machen mußte, Kater hin oder her. Franz streifte mich mit einem spindkontrollierenden Feldwebelblick und zupfte kurz an meinem Hemdkragen. Ich hatte jetzt nicht zu fragen, ob wir im Hotel, oder im Privathaus frühstückten. Das entschied er und meistens hatte er wenig Lust auf Gäste- oder Personalblabla. Und vor allem hätte er, Sonntagmorgen um neun, ständig zwischen dem vertraut-ruppigen Ton für mich, professioneller Verbindlichkeit für die Angestellten und abwartender Höflichkeit für die Gäste umschalten müssen. Und dabei verhakten sich manchmal seine Gänge. Er war n i e arrogant zum Personal. Er war überhöflich, aber auch sie wußten nie, was kam. Wenn er eiskalt höflich wurde und sehr leise, dann war ihr Job in Gefahr. Die Gäste bekamen, je nachdem, ob sie sich angemessen benahmen, ein ultrakurzes Trumplächeln oder ein charmantes Kurzgeplauder. Bei dem aber oft merkbar sein sollte, daß er jetzt genau 30 Sekunden in Human Interest investieren würde und dann war wieder Sonntag. S e i n Sonntag.

Heute also nur einen Stock höher. Durch den Depressionsflur, der seit Urzeiten darauf lauerte, dich mit Düsternis anzufallen. Alle gingen da immer schneller. Hinter Cordelias Tür leise Gitarrenmusik. Die lief aber wohl schon die ganze Nacht und vor halb elf würde auch Franz nicht wagen, noch so leise anzuklopfen. Cordelia hatte seinen ruppigen Charme, gepaart mit dem Hang zu quälenden Diskussionen über emotionalen Kleinscheiss. Also ihren. Hätte Franz geklopft, auch nur wie eine Maus, dann hätte er sofort gehört, daß er genau wisse, daß er vor halb elf nicht zu klopfen habe. Wir seien gestern ja wohl laut genug gewesen. Franz hätte dann gesagt, daß er s i e habe noch heimkommen hören, als wir schon halb schliefen und wir sie also kaum mit meinem Ertrinken im Pool gestört haben konnten. Sie hätte geantwortet, daß wir uns über der letzten Flasche Wein noch lange und viel zu laut unterhalten hätten. Bei einer Frau in seinem Zimmer hätte sie das ja hingenommen und andere Geräusche auch, aber Luciano und er würden ja wohl nicht a u c h noch vögeln, nehme sie an. Zärtlicher Schwimmunterricht reiche ja wohl unter Kumpeln. An der Stelle wäre dasselbe ZiegenschafHihi! gekommen, mit dem auch Franz die Leute umblies. Wir gingen also sehr leise.

„Eier?“

„Zwei. Nebeneinander.“

„Idiot!“

Langsam bekam er gute Laune.

„Hart oder weich.? Nicht deine Birne.“

„Rühreier?“

„Kannst du haben.“

Er hob schnell ein Knie. Hihi!

Er riss kurz die Eingangstür auf spähte nach sämtlichen Autos. Daraus konnte er ablesen, wer ungefähr wann aufstehen würde. War ein Auto in der Stadt geblieben, Cordelia oder ein Elternteil mit dem Taxi gekommen, dann war diese Person nicht vor Mittag in der Küche zu erwarten. Wobei seine Mutter die Küche morgens normalerweise nicht betrat, wenn Gäste da waren. Sie rief ihn dann über das Haustelefon an und fragte, wann wir fertig wären. Den Kaffee ließ sie sich vom Hotel bringen. Seine Mutter können Sie sich vorstellen wie eine Hildegard Knef, die gerne Simone de Beauvoir gewesen wäre, optisch, akkustisch und in der Ausstrahlung. Ich wurde mit ihr nicht warm. Die charmante und unberechenbare Ruppigkeit hatte sie auch, die hatten alle vier, und frühstücken Sie mal verkatert mit vier verschiedenen Versionen von Donald Trump, aber gleichzeitig war sie eben auch die Große Dame. Und ich gesellschaftlich damals zu unsicher, um mit Charme und Frechheit zurückzugeben. Hätte ich auch nicht gedurft. Nur Ranicki war Ranicki. Und der war nicht morgens um neun in ihrer Küche.

Franz schwenkte die Omeletts. Hätte es damals schon iPhones gegeben, hätte er mich gezwungen, ihre Wendung in der Luft aufzunehmen. Normale physikalische Gesetze beherrschte er blendend. Er war überhaupt sehr geschickt. Die Mischung aus kurzem Abwarten, einem ersten sanften Versuch und wenn der nicht klappte, entschlossenem brutalen Durchmarschieren, war wohl für die meisten handwerklichen Tätigkeiten bestens geeignet.

Es hatte jetzt Orangensaft getrunken zu werden. Aus einem hohen und schmalen Glas. Es hatte angestossen zu werden. Es hatte gegrinst zu werden. Hihi! Er mußte fragen, ob es mir gut ginge. Ob ich auch kein Kopfweh hätte. Ob ich noch Chlor in der Lunge hätte. Ob wir nachher die BMW nehmen und die Schwarzwaldhochstraße im Frühling erleben wollten?

Ich bejahte alles, außer dem Chlor. Bevor wir uns völlig entspannen konnten, der Orangensaft war getrunken und die Omeletts wurden auf die Teller geflippt, erschien Otto.

Sein Vater trug englische Bademäntel. Ich nannte sie so, weil sie in einer Weise kariert waren, die so britisch wirkte wie die Handtasche der Queen. Er klaute sie vielleicht aus sämtlichen europäischen Hotels. Ließ dafür welche von sich liegen. Natürlich auch geklaute. Sodaß das Hyatt in London zu seiner Verwirrung von ihm einen aus dem Regents in Abu Dabi kriegte. Ob er je Jahre später wieder zufällig einen von seinen selbergeklauten woanders wiedertraf, konnte ich ihn natürlich nie fragen. Oder warum sie alle so britisch kariert waren. Vielleicht weil e r es war.

Stellen Sie sich Manfred Krug nach einer durchzechten Nacht und mit Nebenhöhlenentzüdung vor. Vor allem seinen tapsigen Gang. Krug schlappte immer so durchs Bild, als sei er stolz drauf, eben das Laufen gelernt zu haben und fasziniert davon, wie gut er es nach so kurzer Zeit schon könne. Und er schaute dabei gerne irgendwo hin, wo S i e nichts sehen.

Otto betrachtete also die Küchenlampe, bis wir sie auch anschauten. Als wir gesehen hatte, daß da nichts war, betrachtete er uns. Erst seinen Sohn. Den kannte er. Der hatte wahrscheinlich auch das Recht, sonntagmorgens hier zu sein und zu frühstücken. Wobei das, w a s er frühstückte, von Otto mißbilligt wurde. Dazu würde er unweigerlich später kommen. Für den Moment betrachtete er mich. Mich kannte er nicht. Eventuell nahm er an, daß er mich doch kannte, aber es brauchte ihn ja wohl nicht zu interessieren, wer da morgens in seiner Küche die völlig falschen Sachen frühstückte. Er richtete einen Zeigefinger auf mich. In seiner Küche mußte er nicht höflich sein. Er schaute dem Zeigefinger nach. Franz blätterte in der Wochenendzeitung. Er wußte, was jetzt kam. Es interessierte ihn nicht.

„Franz, wer i s t das?!“

Mit dem Ausdruck des Ganz Großen Erstaunes. Franz, warum hast du einen kleinen weißen Elefanten in meiner Küche angebunden, was macht der hier, was hast du mit ihm vor und warum frühstückt der die völlig falschen Sachen? Warum frühstückt der überhaupt in meiner Küche?

„Papa, das ist Luciano. Hey, du kennst Luciano. Auch wenn er heute etwas derangiert aussieht. Tun wir alle.“

„Luciano?!“

Im Ton von: „Der P a p s t?“

„Ein Freund. Du hast ihn x mal hier gesehen. Spiel doch nicht den Erstaunten.“

„Ach, Sie sind der, der manchmal schreibt?“

„Ich schreibe manchmal, ja.“

Anscheinend hatte Franz ihm mal Gedichte von mir gezeigt und ihn gebeten, die Ranicki zu geben, was Otto schon deshalb nicht getan hatte, weil er sofort darauf nicht mehr wußte, von wem die waren und auch keine Lust hatte, den Großen Mann mit Sachen zu quälen, die ihm Franz selber zeigen konnte. Ich nahm an, meine Manuskripte lagen irgendwo auf einem Beistelltisch und würden da die nächsten Jahre bleiben. Eines Tages würde Hildegard de Beauvoir sie finden, lesen, wissen, von wem sie waren und Franz fragen, warum er sie nicht Ranicki zeige. Dazu habe er sie Papa gegeben. Das habe doch keinen Sinn, der vergesse das doch. Der habe das auch vergessen. Franz solle sie ihm selber zeigen. Das ging so einige Jahre, Ranicki hat nie von meiner Existenz erfahren und inzwischen ist er tot und das Hotel längst geschlossen.

„Franz, wo ist die Leberwurst??!“

„Die ist nix für morgens.“

„Franz, die Leberwurst m u ß gegessen werden. Die muß weg.“

Ich schwöre es. Das hat er so gesagt. In Gegenwart eines Freunds von Franz, auf den er vorher mit dem Finger gezeigt hatte. Er setzte noch einen drauf:

„Ich kann mir das nicht leisten. Immer frische Sachen wegzuschmeissen. Esst die Wurst.“

Er erforschte noch mal kurz die Küchenlampe, richtete einen neuerlich verwirrten Blick auf mich, goß sich dann völlig konzentriert einen Kaffee ein, griff zielgerichtet nach der Milch und verließ cool schlappend die Küche. Und ich schwöre noch etwas:

Beim Rausgehen schaute Otto mich völlig klar an und grinste wie Jack Nicolson. Vielleicht kennen Sie den Film, wo er einen widerlichen Schoßhund in den Mietshausmüllschlucker stopft und die entsetzte Besitzerin entschuldigend diabolisch angrinst:

„Ja, sorry, nicht nett, aber mußte so sein. Ist Ihnen ja auch klar.“

Otto Krug war völlig klar im Kopf. Das war einfach seine Morgennummer. Er spielte gerne den überfordert Verwirrten. Um jedem klar zu machen, daß ein Hotel zu leiten, den ständigen Blick fürs winzige Detail erforderte. Und daß das sehr anstrengend sei und man daher auch mal kurz verwirrt wirken dürfe. Bei dem, was man sich so alles merken müsste. Daher auch die Nummer mit der Leberwurst. Sorgfalt auch im Kleinen. Und ich? War ich hier auch nur ein verwirrendes Detail? Manchmal kam ich mir in diesem Haus so vor. Jeder kam sich hier manchmal so vor: Als ob man als Gegenüber den Betrachter völlig überforderte. Diese Leute sahen einander jeden Tag neu.

Nachdem Frühstück zur Garage. Franz schaute den TR5 kurz an und beschloss, wenigstens Öl nachzufüllen. Jeden Tag eine gute Tat an dem Auto. Sonst überrollte einen der Reperaturtsunami völlig. Denn im Prinzip fuhr es ja im Moment. Es mußte also bei Laune gehalten werden. In der Garage war kein Öl. Franz wollte nicht rüberlaufen und womöglich noch seiner Mutter begegnen, der Otto vielleicht von der Begegnung mit dem leberwurstverweigernden Fremden erzählt hatte, und aus diesem Grund konnt er natürlich auch nicht mich schicken. Otto hätte womöglich die Polizei gerufen. Da ist jemand in meinem Haus. Der will wohl noch mal frühstücken, können Sie sich das vorstellen? Obwohl mein Sohn ihn eventuell kennt? Aber vielleicht hat er auch nur so getan. Damit der Einbrecher nicht schießt. Kommen Sie schnell.

Franz rief im Hotel an. Ein Hausdiener erschien. Auch ein Engländer. Er trug ein Tablett. Auf dem stand eine Packung Motoröl. Ich schwöre auch das. Er hatte einfach nicht gewußt, ob er das offiziell für das Hotel tat oder für Franz, dessen Leidenschaft für außerphysikalische Autos aus seinem Land er wahrscheinlich teilte. Franz nahm die Flasche mit völlig ausdruckslosem Gesicht vom Tablett und sagte „Thanks“. Wir verzogen beide keine Miene. Gegenüber den Angestellten hatten Franz´ Freunde extrem höflich zu sein. Der Hausdiener marschierte über den Rasen zurück zum Hotel. Und ich schwöre ein letztes Mal: Ganz kurz zog er die Knie ruckartig hoch dabei und verfiel in den Gang von John Cleese. Hotel Of Silly Walks.  Some dance to remember, some dance to forget. But we all should dance. Franz kann es hoffentlich noch heute.